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J01 purpleDrei Städte und sechs Wochen – der Rahmen des Enjoy Jazz im Rhein-Neckar-Raum macht es zur Mischform zwischen verdichteter Konzertreihe und Festival.

 Von Hans-Jürgen Linke.enjoyNick Bärtsch © Frank Schindelbeck
Nur einen Tag nach den Pariser Massenmorden war es Archie Shepp mit der Attica Blues Big Band, der das 2015er Enjoy-Jazz-Festival krönen und beschließen sollte. Die Band selbst ist auf eine blutige Tradition bezogen: Shepp hatte 1972 die LP Attica Blues dem Aufstand im Gefängnis von Attica gewidmet und ihn in die Kämpfe schwarzer US-Amerikaner um ihre Menschenrechte eingereiht. Seine aktuelle Band besteht überwiegend aus französischen Musikern, denen am 14. November 2015 der Terror noch unter der Haut saß. Zu ihnen hatten sich Amina Claudine Myers sowie der Ex-HipHopper Yasiin Bey aka Mos Def gesellt, und am Schlagzeug saß Don Moyé aus dem nun auch schon betagteren Chicagoer AACM-Kreis. Das Konzert produzierte die erstaunliche Erfahrung, dass Musik, wenn man ihr Raum gibt, die Energien neu ordnen kann. So dass Shepps Reverenz an die frühen Siebziger kein historisches Ausstellungsstück wurde, sondern eine unvergessliche Erfahrung für Musiker und Publikum im ausverkauften Feierabendhaus der BASF in Ludwigshafen.

Das Festival hatte in der Heidelberger Stadthalle nahe am Ufer des Neckar mit Hugh Masekela begonnen, der ebenfalls tief in der Jazztradition wurzelt, allerdings in der afrikanischen. Ein weiterer großer alter Mann des Jazz war Gary Peacock, der ebenfalls im Feierabendhaus zu einem umjubelten improvisierten Duo-Konzert mit Michael Wollny zugegen war. Zu den Spielstätten zählen längst auch Kirchen, sodass Brad Mehldau sein Solokonzert in angemessener Umgebung in der Mannheimer Christuskirche geben konnte und das Duo Anja Lechner (vc) und François Couturier (p) in der Heiliggeistkirche in einer der Konzentration förderlichen Umgebung ihre leise, klangvoll-kunstreiche und zugleich eigenartig bescheidene Musik aus dem kaukasischen Kulturraum spielen. Die Verleihung des SWR-Jazzpreises ist seit einigen Jahren Teil des Enjoy Jazz Festivals. Diesmal war Georg Gräwe der Preisträger, und das Konzert im Kulturzentrum Das Haus in Ludwigshafen zeigte ihn als Teil seines wunderbar eingespielten improvisierenden Trios mit Ernst Reijseger (vc) und Gerry Hemingway (dr).

Die Fantasie des Veranstalters Rainer Kern hat dem Festival schon mehrfach erstaunliche Veranstaltungsformate und -orte beschert. Das erstaunlichste Konzertprojekt trug sich jetzt im architektonisch eigenwilligen Bau des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie zu, der der Doppelhelix der DNA nachempfunden ist. Hier spielte Nik Bärtsch, konstanter Festival-Gast, mit seinem Nonett Mobile Extended ein Konzert am 7. November vom Sonnenuntergang (16.54 Uhr) bis zum Sonnenaufgang (7.25 Uhr) des folgenden Tages. Das Projekt mit dem Sammeltitel „Spiral Space“ wird fortgesetzt.