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JAZZTHETIK LiveBei den Leipziger Jazztagen waren in diesem Jahr die Augen fast ebenso wichtig wie die Ohren.

 Von Detlef A. Ott.leipzig Wollny und Nosferatu Foto Susann JehnichenWollny und Nosferatu © Susann Jehnichen
Am Ende gab es viel Beifall. Die 39. Leipziger Jazztage haben mit ihrem konzeptionellen Programm „Cinematic Jazz“ die Messlatte bezüglich eines anspruchsvollen Festival-Programms wieder etwas angehoben. In diesem Jahr wurden Augen und Ohren der Besucher in der Wahrnehmung visualisierter Klänge gefordert. Erklärte Absicht war es, den vorherrschenden Zeitgeist abzubilden, der von einer immer stärker den Augensinn attackierenden Bilderflut geprägt ist. Dazu wurde Musik mit visuellen Ausdrucksmöglichkeiten verbunden und dabei die Vielfalt der Fusion beider Genres aufgezeigt. Der Bogen spannte sich vom Vertonen des Stummfilmklassikers Nosferatu durch Pianist Michael Wollny und Schlagzeuger Eric Schaefer, die sich mit subtilen Klängen und dem Norske Blåseensemble (1734 in Norwegen gegründet!) durch das historische Leinwandgeschehen gruselten, bis zu humor- und anspruchsvoll Improvisiertem zu Trickfilmen für den Nachwuchs. Vielschichtige Klangfarben gab es im kirchlichen Raum zu bewundern, wo sich Bassist Renaud García-Fons mit befreundeten Musikern musikalisch mit dem ältesten Animationsfilm auseinandersetzte oder Brad Mehldau solistisch auf den Spuren Bachscher Improvisationskunst der kniffligen Akustik der Thomaskirche unvergleichliche Tonkaskaden am Piano entlockte.

Die gut besuchten Hauptkonzerte des Festivals trafen im Schauspielhaus auf offene Ohren. Der norwegische Trompeter Nils Petter Molvær mit sphärischen Sound-Tüfteleien, das in klassischer Tradition daherkommende Klaviertrio um den Pianisten Omar Klein mit Haggai Cohen-Milo (b) und Amir Bresler (dr), Filmmusik von Fellini bis Bond in subtiler Manier der Band Sex Mob aus New York oder die nah an der Popmusik agierende singende Pianistin Johanna Borchert setzten Schwerpunkte. Dem Saxofonisten Evgeny Ring wurde mit der Verleihung des Leipziger Jazznachwuchspreises der Marion-Ermer-Stiftung eine überfällige Würdigung zuteil. Sein Konzert kristallisierte sich wie zum Beweis als Höhepunkt des Abends heraus.

Zehn abwechslungsreiche Tage mit etwa 70 Musikern aus neun Ländern zeigten, wie man besonders mit Eigenproduktionen nuancierte Farbtupfer setzen kann. Mit der Zusammenstellung des Programms ziehen die Programmgestalter junges Publikum an, dem die Tradition des Jazz zwar nicht immer bewusst ist, das aber vielleicht nebenbei spürt, dass ein Blick zurück hin und wieder nicht schaden kann, um neue Entwicklungen einordnen zu können. Die 40. Leipziger Jazztage finden vom 28.9. bis 8.10.2016 wieder in der Oper statt. Die Vorbereitung der Jubiläumsausgabe dürfte den Organisatoren betreffs möglicher Steigerung einiges Kopfzerbrechen bereiten. Aber das Wesen des Jazz und der improvisierten Musik ist bekanntlich, stetig für Überraschungen zu sorgen.