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JAZZTHETIK LiveIm Kulturzentrum von Murnau wurde in diesem Jahr freudig fabuliert.

 Von Christoph Giese.murnau Ricardo Ribeiro50 Christoph GieseRicardo Ribeiro © Christoph Giese
Da heißt das Festival „grenzenlos“, aber die Gäste aus Österreich hatten am ersten Abend so ihre Schwierigkeiten, eine Grenze, die von Österreich nach Bayern, zu überwinden. Mit dem Zug von Wien nach Murnau ging es nämlich nicht, da der Bahnverkehr wegen der Flüchtlingsproblematik gesperrt war. Der Wiener Abend im Kultur- und Tagungszentrum konnte schließlich aber doch wie geplant stattfinden. Gott sei Dank, denn was die Österreicher servierten, hätte man nicht missen wollen. Schon gar nicht den Auftritt der Birds of Vienna. Das Trio des Gitarristen Helmut Jasbar widmet sich in seinem aktuellen Projekt Schubert o.k. der Musik von Franz Schubert, aber nicht seinen Orchesterwerken oder seiner Kammermusik, sondern seinen Ländlern. Die sind für die Birds of Vienna, die die österreichische Schauspielerin Julia Stemberger für Rezitationen mitgebracht hatten, nur Ausgangspunkte eines wahrlich grenzenlosen Musizierens. Die Essenz der Schubertschen Ländler wird von ihrem puren Unterhaltungswert gelöst und gewitzt in moderne Formen überführt, die sich stilistisch nicht eindeutig festlegen lassen. Wozu auch? Solange Musik so leichtfüßig, gefühlvoll und vielschichtig klingt, solange sind Kategorien überflüssig.

Das gilt auch für Stefano Bollani. Der Italiener an Konzertflügel und Fender Rhodes ist ein Musiker, der sich weder mit dem Gedanken an Grenzen noch Genrevermischungen aufhält. In Murnau brennt er im Trio mit seinen dänischen Kollegen Jesper Bodilsen (b) und Morten Lund (dr) ein Feuerwerk an Humor und Spielwitz ab. Da mündet eine mit Hochgeschwindigkeit gespielte Mozart-Melodie wie selbstverständlich in Horace Silvers fantasievoll umspielten „Song for My Father“. Eine spanische Ballade wird nahtlos von hartem Swing abgelöst, und eine Bossa Nova von Tom Jobim und Chico Buarque schimmert verschleiert durch einen Strudel an Ideen. Energie und Virtuosität gehen bei Bollani aber immer mit einer manchmal unfassbaren Musikalität in der kreativen Umsetzung von Veränderungen ausgewählter Vorlagen einher.

Oud-Virtuose Rabih Abou-Khalil passte zum Abschluss gut zum diesjährigen Festivalmotto „fabulieren“. Denn das kann der Libanese wie kaum ein zweiter: irrwitzige Geschichten erzählen zu seinen Liedern und Musikern. Neben Gavino Murgia (sax), Luciano Biondini (acc) und Jarrod Cagwin (perc) ist es die Begegnung mit dem portugiesischen Fadosänger Ricardo Ribeiro, die das Besondere an diesem Konzert liefert. Es ist nicht wirklich Fado, aber auch nicht pure arabische Musik, was diese Band zum Klingen bringt. Gedichte von Poeten wie Fernando Pessoa oder Ary dos Santos, zu denen Abou-Khalil die Musik komponiert hat, bilden eine spannende Essenz aus beiden Musikwelten, ein faszinierendes und funktionierendes Annähern von starken und mutig frischen Gesangslinien und den parallel gespielten, so herrlich vertrackten Oud-Melodien und Rhythmen des Libanesen und seiner Begleiter.