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JAZZTHETIK LiveMainstream war das nicht und auch nicht nur Avantgarde. Es war einfach Tampere: Juhamatti Kauppinen, Minnakaisa Kuivalainen und ihrem Team gebührt Dank für ein Festival mit toller Atmosphäre und mutigem Programm, bei dem der Appetit beim Essen kam.

Von Jan Kobrzinowski.tampere Gonzales (dombr)Stefan Gonzales © Ralf Dombrowski
The Thing war diesmal nicht dabei, allerdings durfte das Trio, in seine drei Einzelteile zerlegt, dann doch auftreten: Mats Gustafsson kommentierte dies während seines beeindruckenden Saxofon-Soloauftritts mit gewohnt lässig-nordischem Humor: Man sei diesmal nicht gebucht worden, doch Kollege Paal Nilssen-Love sei später noch mit seiner Large Unit zu sehen. Die zwölfköpfige Besetzung überzeugte mit Power-Freejazz im Bigband-Format. Eines der Festival-Highlights war der Auftritt der Young Mothers um den The-Thing-Bassisten Ingebrigt Håker Flaten: In einer energiegeladenen, unkonventionellen, teilweise zappaesken Performance brachte dieses Free-Punk-Jazz-Indie-HipHop-Kombinat das Tullikamarin Pakkahuone (Zollhaus) zum Wackeln. Perkussionist/Vibrafonist Stefan Gonzales und Schlagzeuger Francisco Rosaly lieferten sich einen Drumbattle mit einem Groove vom Band und erzeugten höchste Spannung durch absichtlich asynchrones Spiel. Jawwaad Taylor (voc, tp)rappte mit Gonzales’ Metal-Vokalisen um die Wette. Eine aufrüttelnde Band, der es wirklich gelang, ungewöhnlich und neu zu klingen – heutzutage ein nicht so einfaches Unterfangen. Ganz als kommerzieller Gegenpol fungierten die finnische Ricky-Tik Big Band & Julkinen Sana, eine Fun-Bigband mit Rap-Section.

Ansonsten fand der finnische Jazz zum großen Teil in der intimen Clubatmosphäre des gemütlichen Telakka statt. Besonders gefiel dort das Ilmiliekki Quartet mit Trompeter Verneri Pohjola und dem erstaunlichen Alien Olavi Louhivuori am Schlagzeug. Colin Stetson bediente auf Tenor- und Basssaxofon, Kontrabass-Klarinette und simultan eingesetzter Stimme die absolut tiefsten Register des Festivals und prüfte damit erfolgreich die Subwoofer der PA. Mit seiner Ehefrau Sarah Neufeld (viol, voc) schuf er eine ergreifend hochintensive, manchmal meditative Atmosphäre mit Elementen aus Minimal Music, Ambient, Jazz und folkigen Vokaleinlagen.

Omar Sosa, Trilok Gurtu und Paolo Fresu oblag die Aufgabe, neben allem Wilden und Experimentellen einfach nur großes Vergnügen zu bereiten. Virtuos, lyrisch, spontan und mit viel Humor erfrischte das Trio Körper, Geist und Seele. Im Clubi, der dem Konzertsaal vorgelagerten coolen Clubzone, kam man spätnächtens mit dem David Murray Infinity Quartet nicht nur in den Genuss des jazzigsten Konzertes des diesjährigen Happenings, sondern konnte angesichts eines wahren Giganten des aktuellen Jazzschlagzeugs, Hamid Drake, ins Schwelgen geraten. Der New Yorker Poet Saul Williams verlieh der Musik mit seinen zornig-urbanen Spoken-Word-Einlagen ungeheure Tiefe. Apropos Schlagzeug: Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, den Mantel des Schweigens über den Auftritt der Ginger Baker Jazz Confusion auszubreiten, nachdem ich den Saal nach 20-minütiger Kostprobe gesenkten Hauptes verlassen hatte. Ein höchst peinlicher Auftritt, an dessen unangenehmer Wirkung auch der wackere Bassist Alec Dankworth mit langen Soli nichts ändern konnte: aus meiner Sicht der einzige überflüssige Act des diesjährigen Jazz Happenings. Schwamm drüber. Abbruch tat dieser Ausrutscher weder der Qualität noch der nachhaltigen Wirkung des Festivals.