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JAZZTHETIK LiveDas Festival Music Unlimited im oberösterreichischen Wels schaffte es, an drei Tagen 29 Konzerte auf die Bühnen zu bringen. Wer wollte, konnte neun Stunden am Stück zuhören und anschließend im Foyer bis in die Morgenstunden durchtanzen.

Von Holger Pauler.welsScanning Gresey © Eckhardt Derschmidt
Der alte Schl8hof zeigte, dass er nach wie vor eine Oase des Widerstands und der Unabhängigkeit in einer Stadt ist, die seit der Wahl im September von den sogenannten Freiheitlichen regiert wird. Festivalkurator Christof Kurzmann bewies bei der Programmgestaltung der „Charhizmatic Music“ allerdings, wer die wirklichen Verteidiger der Freiheit sind.

Der Auftakt stand ganz im Geiste der Musik Ornette Colemans, dem auch das Festival gewidmet war: Harmonie, Melodie, Tempo und Rhythmus als gleichberechtigte Ausdrucksformen. An manchen Stellen geriet der Auftritt etwas zu detailverliebt und bedächtig. Joe McPhee (sax, tp), Isabelle Duthoit (cl) und Michael Zerang (dr) hielten sich entsprechend zurück. Das Konzert endete allerdings mit einer emotionalen Improvisation der längst in den Jazz-Kanon aufgenommenen Coleman-Komposition „Lonely Woman“, zu der Christof Kurzmann Lyrics beisteuerte.

Kurzmann war auch am Projekt „Scanning Grisey“ beteiligt, das sich der Musik des Pioniers der Spektralmusik, Gérard Grisey, widmete. Das Quartett fand die richtige Balance zwischen Improvisation und Komposition. Eingerahmt von den Tieftönern Gerald Preinfalk (bs) und Ernesto Molinari (cb-cl) bildete Uli Fussenegger am Kontrabass das Bindeglied. Kurzmann trug immer wieder elektronische Klänge aus dem Off bei, die den Vortrag auflockerten.

Das Duo Sophie Agnel (p) und John Butcher (sax) zeigte, dass das Auflösen und Zusammenfügen von Strukturen dauerhaft funktionieren kann. Das präparierte Pianospiel Agnels harmonierte perfekt mit den von Butcher durch Zirkularatmung und Überblastechnik erzeugten Oberton- und Spaltklängen. Vor allem bei den Sequenzen im Hochfrequenzbereich klangen beide zum Verwechseln ähnlich. Erweitert wurde das Festival in diesem Jahr erstmals von kurzen Solo-Konzerten, die in den jeweiligen Umbaupausen stattfanden. Ein Konzept, das sich bewährte, auch wenn es Mut zur Lücke erforderte: Kurz nachdem der letzte Ton auf der Hauptbühne verklungen war, hatte sich der kleine Raum am Ende des Schl8hofs bereits komplett gefüllt. Die Konzerte profitierten von der Intimität und Enge. Herausragend waren die Auftritte von Susanna Gartmayer (bcl), Manon Liu Winter (p), Didi Kern (dr) und Dieb 13 (turntables). Improvisation hieß hier vor allem: Kommunikation mit dem Publikum.

Nach drei Tagen und Nächten mit zum Teil anstrengender, aber vor allem anregender Musik beschloss weit nach Mitternacht mit dem DKV-Trio eine Gruppe das Unlimited, auf die sich alle einigen können. Hamid Drake (dr), Kent Kessler (b) und Ken Vandermark (sax) sorgten mit ihrer kraftvollen Improvisation dafür, dass der Saal auch noch zu vorgerückter Stunde gut gefüllt war. Das macht Hoffnung für die nächsten 29 Jahre.