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JAZZTHETIK LiveAlle zwei Jahre lädt das Jazz-Institut in Darmstadt zu Diskussionen und Konzerten. Diesmal standen Reizworte wie „Gender“ und „Identität“ auf der Agenda.

Von Hans-Jürgen Linkedarmstadt Nicole Suzuki Yoko by Wilfried HeckmannNicole Johänntgen, Yoko Suzuki © Wilfried Heckmann

Die Themensetzung war uneindeutig: Kein „Jazz und ...“-Thema, sondern „Gender_Identity“, unkonventionell interpunktiert, dazu „XX“ und „XY“ als grafische Verweise auf Chromosomenpaare. Ging es um Frauen im Jazz? Um Männer? Um Männlichkeit oder Weiblichkeit als ästhetische Qualitäten? Das dreitägige Symposium gab keine eindeutigen Antworten, es sammelte Ansätze und Antwort-Strategien auf gestellte und gefühlte Fragen und entwickelte sich zu einer aspektreichen Veranstaltung.

Institutsleiter Wolfram Knauer definierte in seinem Eröffnungsvortrag Identität als Gebilde aus Fähigkeiten und Eigenschaften eines Musikers, die im Medium der Musik zugleich produziert wie auch ausgedrückt werden. Jeder Versuch, hier – also auf halber Strecke zwischen kulturellen Codes und individueller Einmaligkeit – Konstrukte einer Gender Identity festzumachen, muss sich kritisch mit Klischees auseinandersetzen, die in kulturellen Bewertungssystemen lauern.

Mehrfach ging es um die Situation von Frauen im Jazz. Konsens war, dass Ursprünge und gesellschaftlicher Ort des Jazz männlich dominiert sind und dementsprechend ein großer Teil dessen, was Jazzmusiker und ihr Publikum an der Musik und der um sie herum stattfindenden Interaktionen schätzen, männlich geprägt ist. Zugleich scheint es innerhalb der Szene einen Konsens zu geben, Gender-Problematisierungen nicht besonders wichtig zu finden. Der Jazz scheint sich daher von gesellschaftlichen Reflexions- und Veränderungsprozessen abgekoppelt zu haben, weshalb alte Rollenkonzepte zuweilen erstaunlich unangetastet wirken.

Mehrfach wurde über das Saxofon nachgedacht, das Jazz-Instrument mit dem wohl höchsten symbolischen Wert. Nach wie vor gibt es das Bild des expressiv-virilen Saxofonisten, auch wenn junge Musiker und Musikerinnen längst große Schritte in Richtung Auflösung der Vorurteile getan haben. Gleichwohl ragt die Vergangenheit in die Gegenwart hinein. Jenna Bailey berichtete über die britische Bandleaderin Ivy Benson, die in den 40er Jahren eine international erfolgreiche jazzaffine Frauenkapelle gründete und bis in die 80er Jahre aktiv war – mit dem ehernen Grundsatz, dass Musikerinnen spielen müssen wie Männer und aussehen wie Frauen. Aber wer kennt nach vier Jahrzehnten Präsenz noch Ivy Benson? Auch die Karriere der Pianistin Jutta Hipp, deren Geschichte als schwer überschaubares künstlerisch-biografisches Verwirrspiel erscheint, lässt sich als verzweifelter Kampf gegen Unsichtbarkeit und Ungehörtheit lesen, wie Ilona Haberkamp eindrücklich nachzeichnete.

Wenn Jazz eine männlich konnotierte und dominierte Musik ist, dann wäre Homosexualität in der Szene womöglich ein ähnlich brisantes Thema wie im Fußball. Dass der Jazz hier einen überraschend blinden Fleck auf der Karte seiner Selbstreflexion aufweist, zeigten Martin Niederauer in einem Vortrag zur männlichen Hegemonie im Jazz, Christopher Dennison in einer Analyse problematischer Codes und Klischees und John Murph in einem Vortrag über die „schwulen Obertöne“ in Sun Ras Outer-Space-Vaudeville. Christian Broecking machte in seiner reflektierenden Erzählung über die bekennend lesbische Pianistin Irène Schweizer die nonchalante Ambivalenz deutlich, die im Jazz in puncto Gender Identity vorherrscht. Weder hat Irène Schweizer aus ihrer sexuellen Orientierung ein Geheimnis gemacht, noch hat sie sie je besonders betont. Sie fand das Thema einfach nebensächlich für ihre Musik.