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JAZZTHETIK LiveMit einem neuen Künstlerischen Leiter, dem Briten Richard Williams, geht eines der bedeutendsten Jazzfestivals der Republik in seine zweite Jahrhunderthälfte. Über 100 Musiker aus 30 Nationen waren in diesem Jahr dabei.

Von Rolf Thomas.berlin Living Being (dombr)Louis Moholo-Moholo, Living Being © Rald Dombrowski
Dass man auch aus konservativen Formen noch jede Menge Gold gewinnen kann, bewies Cécile McLorin Salvant. Die amerikanische Sängerin kam zwar langsam in Schwung, gestaltete die zweite Hälfte ihres Konzerts dafür umso furioser. Ihre Sequenz aus „John Henry“ – das sie zum Teil ohne Mikrofon und mit abenteuerlichen vokalen Verrenkungen sang –, „Let‘s Face the Music And Dance“ und „So In Love“ war Weltklasse, und ihr eigentlich recht konventionelles Trio besaß dafür die nötige Tightness.

Ausgerechnet einer der „Alten“, nämlich der britische Pianist Keith Tippett, war es, der einen Hauch von Frühling durch das Haus der Berliner Festspiele wehen ließ. Das lag an den irischen Folkthemen, die er für sein Oktett bearbeitet hatte. Im Programm waren ein berührendes Doppel-Posaunen-Solo und die eingestreuten kurzen Balladen das große Plus. Als dann noch Gattin Julie ein Lied intonierte, mussten sich wohl auch die hartgesottensten Berliner Echtzeitmusiker eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Eine echte Entdeckung war die junge britische Trompeterin Laura Jurd, deren Quartett Dinosaur optisch wie eine Schülerband wirkte, dann aber umso bissiger und erfrischender zur Sache ging, skurrile Verfremdungen von Trompeten- und E-Piano-Sound inklusive.

In Vincent Peiranis Band Living Being erhob der Jazzrock sein mächtiges Haupt, Hardangerfiedler Nils Økland fiedelte um Mitternacht, und Charles Lloyd hätte im Prinzip auch in Quartettstärke antreten können – seine beiden griechischen Musiker hatten nicht viel zur Musik beizutragen. Das australische Improvisations-Trio The Necks spielte in der Gedächtniskirche, also an der Orgel statt am Klavier, und der Ort trug viel zur hypnotischen und bedröhnenden Wirkung ihrer Musik bei. Der junge britische Schlagzeuger Dylan Howe hatte mit seiner Band Subterraneans die Instrumentalstücke von David Bowies berühmten Platten Low und Heroes bearbeitet – und das tatsächlich glänzend. Aber die verstörende und kalte Atmosphäre, die Stücke wie „Neukölln“ oder „Weeping Wall“ einst ausgestrahlt hatten, ging durch die nostalgische Wohlfühl-Patina völlig verloren – es fehlte das Westberliner Kaputnik-Feeling der 70er Jahre. Cymin Samawatie und Ketan Bhatti hatten ihr Großensemble Diwan der Kontinente aus Anlass des JazzFestes fast verdoppelt, und das Publikum goutierte ihre ruhige Mischung aus Neue-Musik-Feinnervigkeit, komplexen zappaesken Passagen und folkloristischen Klanglandschaften. Tigran Hamasyans seelenlose Angebermusik voller Metal-Breaks musste dagegen ein paar Buhrufe einstecken. Die Vehemenz, mit der Schlagzeug-Veteran Louis Moholo-Moholo mit seinem Quartett zu Werke ging, überraschte so manchen: Das High-Energy-Powerplay hatte Biss und überzeugte mit eingestreuten Walzern und dichten hymnischen Passagen. Elegisch sangen Ambrose Akinmusire und Theo Bleckmann dann den Kehraus.