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Von altmodisch bis modern, von zart bis zackig: Das 38. Jazzfestival in der Stadthalle Neuwied zeigte in familiärer Atmosphäre auf hohem musikalischen Niveau die Bandbreite des Genres.

 Von Michael Schaust.
Der ausverkaufte und stürmisch gefeierte erste Abend bewegt sich zwischen Hardbop und Fusion. Mit der Steve Gadd Band startet gleich der Headliner. Der 70-jährige Schlagzeuger setzt mit seinem relaxten, vorwärtstreibenden und punktgenauen Spiel den Glanzpunkt eines an Höhepunkten reichen Festivals. Das Quintett hat alles mit Leidenschaft im Griff: Larry Goldings lässt die Hammond B3 mal widerborstig wie einen Tiger fauchen, mal ist er der feine Tastenfühler. Trompeter Walt Fowler ist nicht selten auf Miles‘ Spuren unterwegs, Jimmy Johnson bringt den Tieftöner mächtig zum Schwingen, und Michael Landaus Gitarre heult, säuselt und rockt Grateful-Dead-haft.

Während Gadd der Gentleman unter den Top-Drummern ist, wirkt Dennis Chambers‘ Pulsgebung wuchtig und äußerst dynamisch. Er sorgt in der Formation von Mike Stern für viel Wirbel und beherrscht zugleich die balladeske Besenarbeit. Der Gitarrist fegt zunächst wie ein Hurrikan über die Saiten. Tom Kennedy steht mit seinem Bass wie ein Fels in der stürmischsten Brandung, und Saxofonist Bob Franceschini erhöht den energetischen Druck. Zum Schluss wird noch das „Red House“ besungen – Stern huldigt Jimi Hendrix.

Die Glanzlichter setzen dann das Lars Danielsson Trio und Cæcilie Norby. Zunächst verzücken der Schwede und die Dänin das Publikum als kongeniales Duo vornehmlich mit Gaben aus ihrem ersten gemeinsamen Album Just the Two of Us. Der Bassist liefert die Grundierung und den einfühlsamen wie herausfordernden Gegenpol für den Gesang seiner Ehefrau, die sinnlich-folkig, klassisch à la Bach, mit afrikanischer Vokalpower, mit eleganter, heiterer Leichtigkeit oder mit berührender Intensität agiert. Danielssons Celloeinsätze sind sanfter, mit dem Kontrabass versprüht er eher Eindringlichkeit, ohne je zu überdrehen. Norby kann ebenso die Operndiva, die Bluesröhre wie die Scat-Jazzerin mimen. Eine Entdeckung sind die zwei jungen Wilden in Danielssons Trio. Was Grégory Privat am Flügel bietet, ist atemberaubend, sowohl im langsamen wie im rasanten Tempo. Robert Mehmet Ikiz' offenbart seine Stärke als äußerst behutsamer Trommler, der im rechten Moment losdonnern kann. Und im Quartett mit Norby tauchen die Instrumentalisten auch in Bossa-Nova-Welten. Tosender Applaus.

Geht da noch mehr? Nein, aber anders! Nils Petter Molvær lotet seine akustisch-elektronische Klangsprache aus. Mit weniger Drum Machine (und ohne DJ wie zuletzt) entwickelt sich ein ganz spezieller nordischer Sound. Pedal-Steel-Gitarrist Geir Sundstøl sorgt für abgedrehte, zeitlupenartige Nashville-Attitüde, Jo Berger Myhre (b) für zwischenzeitlich treibend-tiefe Töne, und Schlagwerker Erland Dahlen weiß sich als guter rhythmischer Energiespender zu profilieren. Wenn der Norweger spitze schrille Töne herausbläst und Sundstøl mittels Harp Didgeridoo-ähnliche Laute von sich gibt, stellt sich eine beeindruckende Intensität ein.