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LiveDeutsch-französische Begegnungen, dazu ein paar Amerikaner – das Jazzdor-Rezept ging auch beim 30. Festival auf.

Von Peter Bastian.
Philippe Ochems Einstieg bei Jazzdor war ein Auftritt als Pianist. Heute leitet er das Festival in Straßburg selbst seit 26 Jahren. Ochem sieht das Festival als Pforte für aktuellen Jazz. Die Musik, die er präsentiert, ist weder radikal noch Mainstream, sie ist lebhaft und engagiert. Und er unterstützt mit Vorliebe die einzigartige Stimme des europäischen, speziell des französischen und deutschen Jazz, den er in besonderen Kreationen zusammenbringt. Ein paar Amerikaner dürfen natürlich auch nicht fehlen. Dieses Jahr waren das etwa Jason Moran mit seiner Fats Waller Dance Party, Archie Shepp mit der Attica Blues Big Band, Mark Feldman, Mark Turner, Richie Beirach oder Joshua Redman.

Tausendsassa Louis Sclavis, der fast jedes Jahr eine neue Band hat, ist dem Festival von Anfang an eng verbunden. Ochems Treue zu ihm dankte er diesmal mit seinem Jazzdor Ensemble, dem der Klarinettist selbst, Benjamin Moussay (p), Dominique Pifarély (vio), Sarah Murcia (b) und Christophe Lavergne (dr) angehörten. Wie immer bei Sclavis trafen wunderschöne Melodien auf Akademisches, die Intensität des Rock auf auskomponiert Klassisches, Strenge auf ausgelassene Spielfreude. Da passte das Azul Trio des Bassisten Carlos Bica mit Frank Möbus (g) und Jim Black (dr) anschließend wie die Faust aufs Auge. Auch diese Band ließ in Stücken, die etwa Lucky Luke oder John Wayne gewidmet waren, in Sachen abgefahrene Kreativität, Dichte, Jazzig- und Rockigkeit keinen Wunsch offen.

Der nächste Tag war der Tag der großen deutschen Pianisten. Michael Wollny spielte mit seinem Trio vor Joachim Kühn, der ins neue Quartett von Emile Parisien (sax) eingeladen war. Bei Wollny geht es um Engel, Hexentänze und Mahler, und Gott sei Dank sind Wollny live und auf CD zwei paar Schuhe. Auf der Bühne kennt das Trio mit Christian Weber (b) und Eric Schaefer (dr) weder Grenzen noch angezogene Handbremsen. In den kollektiv improvisierten Passagen klingt es wie aus einem Guss und reagiert ständig und sehr dynamisch aufeinander. Eine wahre Hörfreude! Wollnys größter Held harmonierte anschließend aufs Beste mit Parisiens Quartett. Auch der Saxofonist, mittlerweile selbst ein Star, war ganz ehrfürchtig, mit dem deutschen Pianisten spielen zu dürfen: ein bisschen Coleman (Ornette, mit dem Kühn gespielt hat), ein bisschen Schubert und natürlich eigene Sachen – wahnwitzige, vertrackte Kompositionen, die die Jungs aus dem Ärmel schüttelten und die tierisch Spaß machten.

Das Julia Hülsmann Quartett vertonte zusammen mit Theo Bleckmann (voc) den amerikanischen Lyriker Ogden Nash, Kurt Weill und Walt Whitman. Das war hübsch gemacht. Den „Alabama Song“ etwa hat man so noch nicht gehört, und das Konzert machte Lust, mal wieder Whitman zu lesen. Danach lud die Saxofonistin Charlotte Greve ihren Instrumentenkollegen Antonin-Tri Hoang in ihr Lisbeth Quartett ein. Die wunderbar schwebenden Melodien und der bezirzende Klang der beiden Altsaxofone hatte was von John Lurie – ein Sound zum Dahinschmelzen. Also Philippe: Auf die nächsten 30! Wenn wir uns pflegen, schaffen wir das.