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JAZZTHETIK LiveEin Festival bei Innsbruck, Bestandsaufnahme Österreich, vier Mal Wegweisendes quer durch die Genres.

Von Klaus von Seckendorff.FMRiese by Gerhard Berger c Swarovski KristallweltenFMRiese © Gerhard Berger © Swarovski Kristallwelten
„Einfamilienhaus – i hoit di ned aus.“ Auf Attwengers jüngster CD Spot kommen sie vielfältig daher – angriffslustige Haikus zwischen Bierzeltmusik und HipHop. Live haben die als Punker der Volksmusik bekannt gewordenen Musiker trotz Drumpower und heftigem Akkordeon Mühe mit der Energie von einst. „Wir spielen jetzt erst mal so dahin – und dann kommen unsere Gäste.“ Das „so dahin“ trifft leider das Altherrenmäßige der Duo-Routine. Die Gäste: eine Abordnung der Swarovski Musik Wattens, gegründet vor 115 Jahren als Werksmusik jener Spezialisten für geschliffenes Kristallglas, die mit ihren in Wattens bei Innsbruck errichteten „Kristallwelten“ eine der beliebtesten Touristenattraktionen in Tirol verantworten. Deren unübersehbares Wahrzeichen ist ein von Andre Heller designter grasgrüner Riese – nichts für Freunde der zeitgenössischen Kunst. Aber das Innere des auf Fantastik getrimmten Wasserspeiers überrascht mit Kompromisslosem: ein spannendes Kammermusikfestival unter der Leitung des Komponisten Thomas Larcher und mit dem fmRiese Fast Forward Festival seit 2012 ein von Christof Dienz kuratiertes Treffen vorwärtsweisender Musiker an der Schnittstelle von Pop und Neuer Musik.

Die Neue Musik wünscht sich Dienz „intuitiv und körperlich wahrnehmbar“. Der Ex-Wiener-Staatsopern-Musiker hat mit Marc Ribot gespielt, Fagott bei Die Knödel und Zither in Lorenz Raabs :xy Band. Für die vierte Runde unter dem Motto „Pop Here. Pop Now.“ brachte er die neben Wanda derzeit angesagteste Austria-Band nach Wattens: Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst verkündete augenzwinkernd: „Heute funkeln wir wie Kristalle.“ Tatsächlich deckt das Quartett weite Bereiche des Dienzschen Festivalideals ab: ernsthaft, verspielt und ironisch, intellektuell unterfüttert, elektrisierend, sexy, in Richtung Rock, Songwriting, HipHop oder Trance ausstrahlend. Mit ganz eigener Exzentrik auf den Spuren von Falco und Prince groovend, taugen sie zur Ablösung für Attwenger, überzeugen als Vorzeigeband des derzeit insbesondere in Deutschland blühenden Austropop-Hypes.

Bilderbuch-Publikum taugt leider umso weniger fürs subtile Vorprogramm mit der Sängerin Mira Lu Kovacs und ihrem Trio Schmieds Puls. Selbst wenn sie die Stahlsaiten ihrer Gitarre wütend traktiert, wird im Saal munter weitergequasselt. Kein Gespür für ihre handverlesenen Akkorde, ihr ungeschützt intimes Auftreten, das gelegentlich an Rickie Lee Jones erinnert, an Joni Mitchell oder Sophie Hunger – allesamt in jungen Jahren. Musikalisch weitaus am interessantesten war gleich als Festivaleinstieg ein weiterer Jungspund: Dorian Concept – autodidaktisch-genialisch als Komponist und Katalysator für das Zusammentreffen von nerdiger Synthie-Raffinesse, kreischendem Gitarrensound, freien Jazzbläser-Soli, popnaher Verspieltheit und taumelnden Rhythmen. Die Kombination mit dem Jazzwerkstatt Wien New Ensemble entwickelte hypnotischen Sog, der jede Aufmerksamkeit verdiente. Believe the hype!