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JAZZTHETIK LiveGrußworte von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, Kulturstaatsministerin Monika Grütters und BR-Intendant Ulrich Wilhelm können nicht viele Jazzfestivals vorweisen. Das 5. Birdland Radio Festival im bayrischen Neuburg schon.

 Von Reinhard Köchl.
Grütters überreichte dem Club-Vorsitzenden Manfred Rehm den Spielstättenprogrammpreis 2015 und war beeindruckt von der Programmvielfalt sowie Rehms jahrzehntelangem Kampfeswillen wider die Gleichförmigkeit. Neuburg gehört zwar zu Seehofers Wahlkreis, aber ein Grußwort deshalb noch längst nicht zur Selbstverständlichkeit. Und Wilhelm konnte gar nicht anders, kooperierte sein Bayerischer Rundfunk doch schon zum fünften Mal mit den „Birdländern“. „Wir kommen wirklich gerne hierher, weil Manfred Rehm es immer wieder zustande bringt, herausragende Musiker der internationalen Jazzszene zu holen und sie in Plätzen wie dem wunderschönen Stadttheater zu wahren Sternstunden zu verführen“, bilanzierte Roland Spiegel, verantwortlicher Jazz-Redakteur des BR, seine Ausbeute in Form von acht weitgehend herausragenden Konzertmitschnitten.

Am meisten freute sich Spiegel über die unumstrittene Sternstunde des Festivals, die das Quartett des Gitarristen John Scofield und des Tenorsaxofonisten Joe Lovano setzte. Im Gegensatz zur eher langweiligen CD Past Present glich der Auftritt einem Funkenflug an Spielfreude, stupender Technik und brillanter Interaktion. Ähnlich wie beim Auftritt des Bass-Granden Ron Carter, der mit seinem Foursight Quartet einen Abend voll leiser Subtilität im Audi Forum Ingolstadt, der zweiten großen Bühne, zelebrierte. In Erinnerung bleiben auch zwei andere Ereignisse: der fulminante Gig des israelischen Kontrabassisten Omer Avital, der arabisch inspirierte Rhythmen und entspannt gute Laune mit strahlenden Melodien mischte und mit dem Blau seiner Musik die täglichen Schreckensmeldungen aus dem Nahen Osten ad absurdum führte. Nicht minder erregend und voller wohlig-sperriger Fußangeln angelegt war die südamerikanisch-abstrakte Performance des venezolanischen Pianisten Luis Perdomo mit seinem Trio. Die Fans des Bebop kamen mit der erstaunlich modern agierenden Altsaxofon-Legende Gary Bartz ebenso auf ihre Kosten wie die der wilden, zügellosen Avantgarde.

Altsaxofonist Tim Berne und seine Formation Decay gaben dabei dem Faktor „Abenteuer“ mit einem suitenartigen energetischen Vortrag kräftig die Sporen. Unter dem beachtlichen Qualitätsniveau bewegte sich dagegen der handwerklich überraschend limitierte und in seiner Sterilität gefangene Acidjazz-Gitarrist Albare. Live über den Äther ging traditionell das Abschlusskonzert, das in diesem Jahr der Pianistin Julia Hülsmann und dem Gitarristen Kai Brückner vorbehalten blieb. Ein gutes, ja fast perfektes Finale vor vollem Keller und in konzentriert ausgelassener Stimmung, bei dem Brückner der molllastigen Lyrik des Hülsmann-Trios einige schwerelose Dur-Farben auf seinen Saiten beimengte. Das passte! Nicht auszuschließen, dass diesmal sogar Monika Grütters, Horst Seehofer und Ulrich Wilhelm mitgehört haben.