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JAZZTHETIK LiveAlle zwei Jahre gibt es in Münster das Internationale Jazzfestival, in den Zwischenraum-Jahren Jazz InBetween, aber dem Jazzpublikum der Stadt scheint das nicht zu genügen. Es bescherte dem WDR 3 Jazzfestival, das diesmal in Münster Hof hielt, überwiegend gut bis sehr gut besuchte Konzerte.

Von Hans-Jürgen Linke.wdr jazzfest
Und das, obwohl die Festival-Strecke vier Konzertabende und, je nach Zählweise, 13 bis 15 Konzerte lang war. Das ausrichtende Stadttheater – Großes Haus, Kleines Haus, weiträumige Foyers, gute Pausengastronomie – legte eine Aufteilung in intimere und massivere Formationen nahe, was nicht unbedingt deckungsgleich mit „klein“ und „groß“ ist.

Das WDR Jazzfestival lässt sich nicht lumpen, es kommt nicht nur als musikalisches, sondern auch als repräsentatives Ereignis daher. Zum Beispiel verteilt es, angemessen feierlich inszeniert, gewichtige Kulturpreise, und bei der Preisverleihung darf Götz Alsmann mit seiner kühnen Frisur und seiner ebensolchen Eloquenz moderieren. Im Preisträger-Konzert im Großen Haus gewann einerseits UniJazzity, das groß besetzte Jugend-Jazz-Orchester Münsterland unter der Leitung des Trompeters Christian Kappe, einen großen Sympathiebonus. Andererseits zeigte WDR-Jazzpreis-Träger Tobias Hoffmann mit seinem Trio, dass auch im großen Saal eine intime Stimmung entstehen kann.

Der WDR hat kein Sparten-Festival entworfen, sondern will den ganzen Jazz abbilden. Dazu gehören auch große Besetzungen, die in der bescheidenen Jazzer-Szene gern „Orchester“ genannt werden: das Cologne Contemporary Jazz Orchestra mit Gabriel Perez, das Zürich Jazz Orchestra unter der Leitung von Steffen Schorn, die WDR Bigband sogar zweimal, die NDR Bigband unter der Leitung von Michael Gibbs sowie eine größere Formation aus Rhythmusgruppe (Dieter Ilg, Bass, Wolfgang Haffner, Schlagwerk, Jan Lundgren, Klavier), Bläsern der Bochumer Symphoniker mit Nils Landgren (tb, voc), der Sängerin Viktoria Tolstoy und einem neu arrangierten Leonard-Bernstein-Programm, das Ganze geleitet von Jörg Achim Keller. Hätte es einen Großformationen-Preis dieses Festivals gegeben, dann hätten den aber Michael Gibbs und die NDR Bigband verdient gehabt, ohne dass die Zürcher darüber traurig sein müssten.

Julia Hülsmann und die norwegische Sängerin Torun Eriksen wandelten mit einem elaborierten Lied-Programm auf Franz Schuberts Spuren. Das Duo Dieter Manderscheid / Sebastian Sternal hat sein Material aus allerlei Vorgefundenem vielfältigster Herkunft zusammengestellt, ohne damit eine Collage herstellen zu wollen. Verschiedene Epochen, Kompositionsweisen, Spielhaltungen verwandeln sich in die ureigenste Musik zweier wacher, hoch konzentrierter Geister, die mit feinsinnig differenzierter Artikulation die Kunst zelebrieren, die Hörer atemlos hören zu lassen. Und dann war da noch das Quartett des Bassisten Robert Landfermann, der viel von Dieter Manderscheid gelernt hat und daher auch eigene Wege sucht und findet. Das Quartett spielte ein Set, das getragen war von einer organischen Entwicklung und gruppendynamischen Verdichtung, wie man sie sonst nur von langjährig miteinander eingespielten Trios kennt. Jede Genre-Unterscheidung zwischen komponierter und improvisierter Musik ließ die Band, wenn auch offenbar auf der Basis eines komponierten Konzepts, weit hinter sich. Nach wie vor hat der WDR einige der interessantesten Tendenzen und Musiker des gegenwärtigen Jazz gleich vor seiner Haustür in Köln.