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J01 purpleDas Just Music Festival in Wiesbaden ist ein Ort schönster Herausforderungen.

Von Tim Gorbauch.
Just_Music_2016_Schindelbeck_Risser.jpgEve Risser © Frank Schindelbeck.jpgMan weiß nicht, was beeindruckender ist: die unbeirrbare Konsequenz, diese stille, spröde, fragile Radikalität, mit der die junge Französin Eve Risser so ziemlich alle Klangkonventionen umgeht, die man mit einem Soloklavierauftritt verbindet. Oder die Ruhe, die sie dabei ausstrahlt, die Souveränität, mit der sie ihr präpariertes Klavier bearbeitet und buchstäblich in sein Inneres abtaucht, um dort nach Klängen zu suchen, die an John Cage erinnern, aber gleichzeitig weit über ihn hinausweisen. Klänge, denen sie geduldig zuhört und die sie dann in einer fast einstündigen freien Improvisation minimal verändert, verschiebt und verrückt. Ganz feine, stille Klänge sind das, streng kalkuliert und doch mit einem Moment von Lyrismus, wie man ihn auch in den hochkomplexen Klavierwerken von Pierre Boulez finden kann.
An Jazz erinnert hier nichts mehr, aber das ist nicht weiter schlimm. Das Just Music Festival in Wiesbaden, seit je ein Ort schönster Herausforderungen, hält sich nicht an Traditionen fest, sondern sucht nach einer Musik, die weiterdenkt, die Grenzen nicht nur auslotet, sondern zur Not auch verschiebt. Raimund Knösche und Uwe Oberg, die beiden Kuratoren, haben damit ein ausgezeichnet besuchtes Festival geschaffen, das weit und breit seinesgleichen sucht. Und um allen Missverständnissen vorzubeugen, haben sie vor Kurzem auch die Unterzeile geändert: „Beyond Jazz“ heißt es da nun.

Wie viel da, hinter den Bergen gewissermaßen, möglich ist, konnte man nun wieder an zwei Tagen mit je drei Sets hören. Denn Knösche und Oberg schätzen vor allem eins: das Nebeneinander von völlig Verschiedenem, die Reibung, den Funkenflug. Nichts ist langweiliger als Eindeutigkeit und programmatische Monotonie. Auf Eve Risser etwa folgt im Kulturforum der Landeshauptstadt Alexander Hawkins, der nicht nach Klängen sucht, sondern sie sich im Gestus des Autodidakten nimmt. Die rumpelnde, sprunghafte Energie, die der britische Pianist dabei mit seinem Trio erzeugt, der rohe, geerdete, leicht verdreckte Sound, der nicht neu, aber doch faszinierend unakademisch ist, laden fast zum Tanz ein. Und wer will, kann hier auch die gute, alte Jazztradition hören, obschon nicht den breitgetretenen Kanon: Cecil Taylor zum Beispiel.

Oberg selbst, Hessischer Jazzpreisträger von 2007, lässt sich gemeinsam mit der Saxofonistin und Klarinettistin Silke Eberhard auf eine lustvolle erste Begegnung mit dem amerikanischen Schlagzeuger Gerry Hemingway ein. Und Martin Brandlmayr entwirft ein Schlagzeug-Solo, das zum Umwerfendsten gehört, was man je bei Just Music erleben konnte. Der Österreicher hat einen ganzen Tisch mit Schlagzeug-Utensilien neben sich, tastet zunächst das Brachland ab und baut dann aus einzelnen Soundbausteinen nach und nach einen holpernden, irrsinnigen Groove, der genauso schlau, schön und abseitig wie gegenwärtig ist. So wie Musik eben sein kann, wenn sie etwas will.