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J01 purpleAnspruchsvoll und ansprechend – die Jazzwoche in Burghausen schaffte auch bei ihrer 47. Auflage die Quadratur des Kreises.

 Von Reinhard Köchl.Ron Carter, WDR Bigband burghausen (dombr)Ron Carter, WDR Bigband © Dombrowski
Natürlich müssen im Sinne einer möglichst kleinen Schere zwischen Ausgaben und Einnahmen sogenannte Highlight-Konzerte sein. Bass-Legende Ron Carter und Akkordeon-Charmeur Richard Galliano absolvierten das erste davon mit der WDR Big Band in der Wacker-Halle. Dass zwei so geschmackssichere Vertreter ihres Faches bei ihrem anfänglichen Duo-Intermezzo so weit auseinanderliegen würden, überraschte dann doch. Passen ein viriler, griffiger Walking-Bass und die süßliche Melancholie der Musette einfach nicht zusammen? Erst als die WDR Big Band sich hinzugesellte, bekam der Abend die erhoffte Farbe und Vitalität. Dass auch Stanley Clarke Kontrabass kann, lässt sich getrost unter der Rubrik „unerwartet“ verbuchen. Nicht wenige hatten ein Konzert voller slappender und schnalzender E-Bass-Momente erwartet. Den Stoff für offene Münder lieferte dann eben Clarkes jugendliche Sturm- und Drang-Truppe mit dem Georgier Beka Gochiashvili (p), Michael Mitchell (dr) und Cameron Graves (keyb). Drei wuselige, spieltechnisch absolut am obersten Limit agierende Musiker mit ungebremster Energie.

Im Konzert von Franco Ambrosetti und Dusko Goykovich begegneten einander zwei Trompeter aus jener Zeit, als sich der Jazz in Europa zu emanzipieren begann, nach mehr als einem halben Jahrhundert Freundschaft mit größtmöglichem Vertrauen. Entsprechend wirkte auch ihre Musik: zeitlos schön und verblüffend eindringlich, nicht nur für die „Früher war alles besser“-Generation. Dass am Abend zuvor mit Enrico Rava auch noch der dritte große Trompeter des Kontinents in der Band des Drummers Sangoma Everett ein Exempel seiner Klasse offeriert hatte, passte ebenfalls in diesen Rahmen. Soul-Lady Betty LaVette lieferte ein routiniertes Programm mit einer routinierten Combo ab. Brot und Spiele auf einem durchaus hohen Niveau, aber ohne jeden Überraschungseffekt – auch das gehört zum Standardprogramm eines Jazzfestivals 2016, ebenso wie die Zugeständnisse an das jüngere Publikum in Gestalt der Electro Deluxe Big Band mit programmiertem Hüpfspaß und Klatschzwang oder Les Lapins Superstars, während Carolyn Wonderland und Philipp Frankenhauser die Blues-Fraktion bedienen durften.

Die eigentliche Stärke der Burghausener Jazzwoche liegt in der Präsentation neuer aufregender Acts. 2016 standen dafür der brachial-subtile Elektronik-Trompeter Guillaume Perret, die mit nordischen Aromen musizierende Saxofonistin und Komponistin Brigitta Flick, die brasilianisch-stämmige Sängerin Yara Linss und die abenteuerlustige Band Turn – letztere drei extrem spannende Neuentdeckungen aus deutschen Landen. Das Beste hatte es jedoch bereits ganz am Anfang gegeben, von den meisten Fachjournalisten, die erst zu den Highlight-Konzerten anreisten, nicht einmal wahrgenommen: die Endausscheidung des 8. Europäischen Burghausener Nachwuchs-Jazzpreises. Fünf Formationen spielten sich im brechend vollen Stadtsaal den Allerwertesten ab. Als Lohn gab es nicht nur 5000, 3000 bzw. 1000 Euro für die drei Erstplatzierten Das Kammerer OrKöster, JF May & Band und das trio akk:zent sowie einen Solistenpreis in Höhe von 1000 Euro für den Pianisten Jan Felix May, sondern auch die unvoreingenommene Aufmerksamkeit eines jungen Publikums, das pfiff, johlte und frenetisch klatschte. Nie war das echte Festivalfeeling in Burghausen greifbarer als hier.