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JAZZTHETIK LiveWird es demnächst irgendwo Jazz-Meisterschaften geben? Noch hat der Wettbewerbsgedanke den Jazz nicht ganz erreicht, aber er nähert sich, und sein Einfallstor könnte die noch vergleichsweise junge Institution des Poetry Slam sein.

 Von Achim Ost.stuttgart brueckner christian kumpfChristian Brueckner © Christian Kumpf
Das Theaterhaus-Festival in Stuttgart bot in seinem 29. Jahr eine immerhin dreiteilige Reihe, in deren Verlauf mehrere mit Meisterschaftsehren (Landesmeister, deutsche Meisterin) dekorierte Poeten auftraten und von sehr alerten Improvisatoren ihren Hintergrund bezogen. Der dritte Poetry-Abend war zugleich das Finale, den Beteiligten und ihrem Publikum hat das Ganze offenkundigen Spaß gemacht, aber wer hat noch mal gewonnen – und warum?

Ein großer Teil des österlichen Festivals war der Tradition gewidmet, auf überaus unterschiedlichen Wegen. Am Anfang stand eine großorchestrale Verbeugung vor Esbjörn Svensson, zu dem die Münchner Symphoniker und als Solisten unter anderem Iiro Rantala, Nils Wülker, Marius Neset sowie die e.s.t.-Originale Magnus Öström und Dan Berglund auftraten. Das sinfonische Format legte wie von selbst den Schwerpunkt auf eine gewisse Melodieseligkeit und unterband effektiv jegliches Wagnis. Immerhin erscheint das Esbjörn Svensson Trio mit seiner raffinierten Musik heute schon als veritabler Klassiker.

Dennoch war Svenssons Landsmann Nils Landgren wohl näher an einer authentischen Trauer, als er zwei Abende später in einem Konzert, das eigentlich dem eigenen 60. Geburtstag sowie dem 50. des Schlagzeugers Wolfgang Haffner gewidmet war, mit seiner fragilen Stimme Svenssons Ballade „Believe, Beleft, Below“ intonierte. Der Auftritt dieser Siebener-Band, zu dem noch Magnus Lindgren, Joo Kraus, Dieter Ilg, Roberto di Gioia und der immer wieder verblüffende Christopher Dell beitrugen, gehörte zu den Höhepunkten des Festivals. In der Schnittmenge von Folklore und Filmmusik hielt sich das Luciano Biondi / Rosario Giuliano Quartet auf, das Musik von Nino Rota und Ennio Morricone raffiniert vom Breitwand-Image befreite und die elaborierte und seit Jahrzehnten enorm populäre Arbeit der beiden großen Filmmusik-Komponisten (Dolce Vita, La Strada, Spiel mir das Lied vom Tod) in den Rang eines von Konsens getragenen nationalen und internationalen Kulturguts erhoben.

Eine echte Überraschung boten die beiden klassisch ausgebildeten Streicher Matthias Bartolomey (Cello) und Klemens Bittmann (viol), die jenseits aller Stil-Erwartung zwischen headbangendem Heavy Metal und stuttgart simone.lisa kumpfLisa Simone © Kumpspätromantisch gestimmter Artikulationsarbeit changierten und niemanden in Ruhe ließen, bevor der finnische Pianist Iiro Rantala seine John-Lennon-Hommage zelebrierte. Außer den beiden Mitgliedern der Familie Dauner gab es als zweites Familien-Begegnungs-Konzert einen Auftritt von Vater Dieter und Sohn Hans Glawischnig, wobei Dieter der langjährige Leiter des Grazer und des Hamburger Jazz-Studienganges sowie der NDR Bigband und zudem ein wunderbarer Pianist ist und Sohn Hans einer der gesuchtesten Bassisten der New Yorker Szene. Was die beiden zusammen spielten, war „motivisch und formal gebundener Free Jazz“, wie es sich gehört. Gute Aussichten: Das nächste Theaterhaus-Festival ist, wie man hört, schon gesichert.