Diese Website verwendet Cookies, um ihre Dienste bereitzustellen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass sie Cookies verwendet.

JAZZTHETIK LiveDas Eberswalder Festival Jazz in E. überraschte mit dem Motto „Blues“, sah es dann aber doch nicht so eng.

 Von Achim Ost. jazzine tobias hoffmann trio und dirk berger garagenjazztobias hoffmann trio und dirk berger garagenjazz © Torsten Stapel

War das wirklich ein Blues-Festival? Das Motto wollte es so, aber Festival-Blogger Thomas Melzer merkte unter Verweis auf informierte Kreise an, im Backstage-Bereich sei so viel alkoholfreies Bier wie noch nie konsumiert worden. Das spricht ja wohl eindeutig dagegen. Wie auch das Festival-Programm insgesamt, das zwar mit einer Blues-Apéritif-Matinee auf dem Marktplatz schon fünf Tage vor Festivalbeginn angeschubst wurde und auch sonst keineswegs bluesfrei daherkam, aber doch ein sehr freigeistiges Verständnis von Bluesigkeit erforderte. Um noch einmal Thomas Melzer zu zitieren: „Passt, wackelt und hat Luft.“

Von jeder Enge befreit, widmete Aki Takase ihr Eröffnungskonzert im Quintett mit Eugene Chadbourne, Rudi Mahall, Nils Wogram und Heinrich Köbberling dem Thema „New Blues“ und dem großen W.C. Handy und hinterließ etliche andächtig nachlauschende Zuhörer. Die sinnliche Seite von Musik, die möglicherweise zu den fernen Vorläufern des Blues gehört, zeigte eindringlich Ogoya Nengo & The Dodo Women’s Group, ein suggestives, rituelles Geschehen, das bei all seiner Fremdheit in puncto Rhythmik, Klangfarbe und gesungener Sprache seine Wirkung intensiv entfaltete. Ähnlich wie auch die Band Puts Marie, die allerdings am anderen Ende der Skala einen international und polystilistisch zusammengesetzten, heftigen Rock-Soundtrack produzierte, der niemanden in Ruhe ließ.

Das vielleicht schönste Konzert des Festivals spielte der Gitarrist Tobias Hoffmann mit seinem Trio, zu dem Frank Schönhofer, Bass, und der Schlagzeuger Etienne Nillesen gehören. Hoffmann bereist eine populärmusikalische Liederwelt, die inzwischen zum kollektiven Gedächtnisinhalt nicht nur einer Generation gehört. Das Trio schwelgt darin nicht herum, sondern rückt dem schönen alten Material mit avanciertem Handwerkszeug zu Leibe und vergisst, bei aller Raffinesse, auch das Schwelgen nicht ganz. Das Trio des Gitarristen Dirk Berger setzte diesen Weg im zweiten Set des Abends fort und wärmte die Seelen im Saal.

Auch das Quartett Absolutely Sweet Marie durchstreifte Regionen der populären Musik, allerdings weniger empathisch. Stattdessen strapazierte die Band die chronische Textversessenheit der Dylanologen, indem sie Bob Dylans Songs drei Bläsern – Steffen Faul (tp), Matthias Müller (tb), Alexander Beierbach (sax) – und einem Schlagzeuger gnadenlos auslieferte und in eine raffinierte und durchdachte zeitgenössisch-jazzig konzipierte Kammermusik überführte. Der orchestrale Andromeda Mega Express schließlich hatte mit dem Blues eher nichts mehr am Hut und präsentierte seine spezielle Version einer teils improvisierten, teils notierten Orchestermusik im Bühnengedränge ohne uniforme Bigband-Attitüde. Ein grandioser Abschluss.