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JAZZTHETIK LiveDas Moers-Festival 2016 lief allen Störfeuern zum Trotz bemerkenswert rund.

 Von Stefan Pieper. moers cassandra wilson k radeCassandra Wilson © Kurt Rade
Der spezifische „Klang von Moers“ findet weltweiten Widerhall. Trotz der internationalen Ausstrahlung, die vom Moers-Festival ausgeht, fehlt es dem Festival-Leiter Reiner Michalke jedoch an Planungssicherheit für nachhaltige künstlerische Entwicklungen. Wegen „mangelnden Rückhalts in der Moerser Stadtgesellschaft“ bot er überraschend seinen Rücktritt an, was jedoch bei der Abschluss-Pressekonferenz auf einhelligen Protest stieß. Das Vertrauen in den künstlerischen Leiter ist groß. Und jenseits der lokalpolitischen Querelen waren in diesem Jahr viele künstlerische Antworten auf die Komplexität der Gegenwart erlebbar.

Im multimedialen Zeitalter nähren synästhetische Beziehungen von Musik, Film und anderen Ausdrucksformen das Live-Erlebnis. Sperrig und hochambitioniert führte ein Projekt der maskiert auftretenden US-Performerin Liz Kosack Elemente von improvisierter Musik und zeitgenössischem Performance-Theater zusammen. Mit einer Art modernem Expressionismus antwortet die gebürtige Slowenin Maja Osojnik auf eine immer labyrinthischer werdende Welt – fast hätte man bei der harschen Performance ihres Duos Parallelen zu Edvard Munchs Gemälde „Der Schrei“ ziehen können. Ganz andere, außerordentlich empfindsame Saiten brachte das Projekt The Real Me des Gitarristen Jeremy Flower und der Geigerin/Sängerin Carla Kihlstedt zum Klingen. Auch ein neues, betont gitarrenlastiges Bandprojekt der Sängerin Cassandra Wilson verfehlte seine mitreißende Wirkung nicht. Hier ging es um den Blues – nicht mehr und nicht weniger.

Zu den vielfältigen in Moers gepflegten thematischen Strängen gehören die Errungenschaften der Minimal Music. Das Trio Dawn of Midi schwor das Publikum auf die abstrakten Schwingungskurven eines knochentrockenen Minimal Techno ein. Da war maximale künstlerische Konsequenz im Spiel, wie der Pianist Amino Belyamani jeden einzelnen Ton allein durch Dämpfung der Klaviersaiten abschattierte, wie Bassist Aakaash Israni roboterhafte Basslines generierte und Schlagzeuger Qasim Naqvi metrische Interferenzen und Phasenverschiebungen allein durch Verändern eines einzigen Snaredrum-Schlags herbeiführte. Ähnlich, aber viel melodiöser und manchmal regelrecht überwältigend agierte der Pianist und Klangkünstler Hauschka alias Volker Bertelmann. Sein Partner, der finnische Schlagzeuger Samuli Kosminen wusste sich hellwach in Hauschkas Klavier-Texturen einzuklinken. Das Etikett „Jazzfestival“ wurde zwar schon vor Jahrzehnten abgelegt, trotzdem feiert der Jazz gerade an diesem Ort die spannendsten Wiedergeburten. So geschehen etwa, als der Berliner Schlagzeuger Christian Lillinger und seine Band Amok Amor mit hellwacher Energie und sprühendem Humor alle möglichen Idiome dekonstruierten.

Nicht weniger als 12.000 Besucher haben in Moers ein weiteres Mal die Begegnung mit dem Neuen, Unbekannten gesucht und die hervorragende Festivalhalle meist bis auf den letzten Platz gefüllt. Moers als Marke und Symbol für eine weltoffene Kultur funktioniert – auch wenn dies einigen lokalpolitischen Stimmungsmachern nicht passen mag.