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JAZZTHETIK LiveDas Nattjazz-Festival bewies, dass die junge norwegische Szene die passende Antwort auf die Frage „Ist das noch Jazz?“ hat: ein selbstbewusstes „We don’t care!“

 Von Karsten Mützelfeldt. JAZZTHETIK Live
Eine Szenerie wie aus einem Reise-Prospekt: eine Fjord-Landschaft, eine entlegene Farm, blühende Wiesen und Bäume, blauer Himmel. Fast zu schön, um wahr zu sein. Doch dann: Mitten in dieser Oase der Ruhe eine kreischende Rockgitarre und ein röhrendes Freejazz-Saxofon. In der Scheune der Farm trifft das Power-Trio von Hedvig Mollestad auf die unbändige Kraft eines Mats Gustafsson. Ein Showcase, der wie ein Versuch wirkte, die schier unauflösliche Verbindung von Norwegens Bergen und Fjorden mit Mountain- oder Fjord-Jazz lautstark aus den Köpfen zu blasen. Nicht, dass der vielzitierte „Nordic Tone“ nur noch in ausländischen Ohren existieren würde – aber der Terminus „Fjord-Jazz“ gilt in Norwegen fast schon als jazzmusikalisches F-Word.

Andere Sounds sind auf Festivals wie Bergens Nattjazz weitaus präsenter und werden inzwischen nicht minder stereotyp mit Norwegen assoziiert: Bands mit zwei Schlagzeugern, diversen Laptops, Nu-Jazz, Electronica, Ambient, Noise – all das dargeboten in einer Klangqualität, wie man sie andernorts selten findet. Nattjazz („Nacht-Jazz“) bestätigt einen weiteren verbreiteten Eindruck von Norwegens Kreativkräften: den einer jungen Szene, die stilistische Grenzziehungen ignoriert.

Hauptspielort ist eine ehemalige Sardinenfabrik im Hafen. Hier eröffnet Mats Gustafsson mit einem wilden dreiminütigen Bariton-Solo das Festival – ein Statement, genau wie der Aufdruck seines T-Shirts: „Free the jazz!“ Der glänzend aufgelegte dänische Pianist Carsten Dahl liefert mit freiem Jazz einen mitreißenden Auftritt, sein brillanter Schlagzeuger Stefan Pasborg hatte bereits am Vorabend mit dem Powerhouse-Fusion-Trio The Firebirds die Gläser mit teurem norwegischen Bier zum Zittern gebracht. Steven Bernsteins Sex Mob demonstriert, dass das jeweilige Repertoire (in diesem Falle Plays Fellini) nicht mehr als ein Aufhänger ist und die Band weiterhin die Früchte einer mehr als zwei Dekaden währenden Langzeitbeziehung erntet.

Was selten funktioniert, klappte in Bergen – die Integration einer Working Band in einen Big-Band-Kontext: Come Shine trafen auf das Trondheim Jazzorkester, und die Einbindung gelang dank eines personifizierten Bindeglieds, des Big-Band-erfahrenen Arrangeurs Erlend Skomsvoll, der gleichzeitig Pianist des Quartetts ist. Das begleitende Showcase-Programm Nutshell präsentierte u.a. ein in fast kompletter Dunkelheit stattfindendes Soloprogramm des Pianisten Morten Qvenild (mit kleiner Stirnlampe als einziger Lichtquelle) und eine Trompete/Laptop-Performance der jungen Hilde Marie Holsen. Sie stellte Ergebnisse eines Studiums vor, das wie geschaffen für Norwegens Sound-Tüftler ist: Performed Music Technology. Nattjazz erwies sich wieder einmal als eines der offensten Festivals. Nur einem wurde Bergen nicht gerecht: dem Ruf, die regenreichste Stadt des Landes zu sein. Ein weiteres Klischee, das bröckelt: Die Sonne schien ohn‘ Unterlass.