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JAZZTHETIK LiveFrank Schätzing lässt in „Der Schwarm“ die norwegische Küste vom Tsunami überrollen.

von Christine Stephantrondheim ralph towner paolo fresuRalph Towner & Paolo Fresu © Christine Stephan
Solch ein Szenario muss unter allen Umständen verhindert werden, denn dort liegt auch Trondheim, geschichtsträchtige drittgrößte Metropole Norwegens, der zum Niederknien schöne Ort zwischen Gletscherlagune, Fjord, dem Flüsschen Nidelva, in der Ferne umgeben von schneebedeckten Bergen. Es empfing den Besucher mit Sonnenschein und nördlich klarer Luft, in der rotweiße Jazz-Fest-Banner flatterten, in jedem Mai prägen diese das gesamte Stadtbild. Wie schön wäre es, wenn auch hierzulande mal eine ganze Stadt unter Jazz-Beflaggung stünde! Der Festivaltag begann schon morgens, wenn das Scandic Hotel uns Besucher mit seinem mehrfach preisgekrönten „Besten Frühstück Norwegens“ in Entzücken versetzte.


Jazz in Norwegen geht nicht ohne den zeitlos mythischen Glanz des ECM-Jazz über die Bühne, ein Auftritt von Ralph Towner, hier im Duo mit Trompeten-Lyriker Paolo Fresu ist ein wunderbarer Programm-Selbstgänger. Und wie fast alle großen europäischen Festivals kommt auch Trondheim nicht ganz ohne amerikanische Stars aus, in diesem Falle Take 6 und Dee Dee Bridgewater (begleitet von der einheimischen Knut Lauritzen Bigband), über deren in erster Linie unterhaltende Qualität man nicht viele Worte verlieren muss. Die echten Perlen eines Festivals verbargen sich jedoch hinter nicht so bekannten Namen: der Kunst der Reduktion hat sich Solveig Slettahjell verschrieben. Ihr Auftritt mit der Gruppe Trails of Souls war wohltuend unaufgeregt, auch weil die Sängerin so völlig ohne jegliches Drama auskam, was manchen weiblichen Vertreterinnen ihrer Zunft schwerfällt (wie man beim Auftritt von Elifantree erleben konnte). Trails of Souls gab uns im Dokkhuset, neben dem Brukbar Blæst eine der beiden Hauptlocations in Trondheim, mit ungeheurer Spielfreude auf großartige Weise eine Idee, wie man Gospel, Americana und Blues mit nordischem Jazz zusammenbringt. Allein das Zuschauen machte große Freude. Ein weiteres Highlight der leiseren Sorte war die Aufführung einer Auftragskomposition des Bassisten Mats Eilertsen mit dem Trio Mediæval. Die drei Frauen und das Jazztrio zeigten die bezaubernde Verbindung von lyrischem Jazz mit alter Vokalmusik.

Noch eigenartig-erstaunlicher ging es beim Auftritt von Doffs Poi zu: drei junge Leute in Minimalbesetzung (Gesang, Keyboard, Schlagzeug) boten konzentrierten Jazz-Postpop mit anschrägtem Tango bis hin zu Anklängen an Lene Lovich. Besonders stolz kann Norwegen natürlich auf Marius Neset sein, dessen Quintett sein Land international auf allerhöchstem Niveau vertritt. In der festivalbegleitenden Konferenz, dem „Jazz Summit 2016“, diskutierten Experten über brennende Fragen: da ging es um die Notwendigkeit des mentalen Trainings für Musiker, erfolgreiches Fundraising und um Existenzielles wie: Wo steht der Jazz heute? – Brauchen Jazzfestivals Popmusik? - Wie erreichen wir neue Publikums-Generationen? Die Antworten gibt zum Teil das Festivalprogramm selbst, das sich neben der Präsentation von Bewährtem verstärkt an ein junges Publikum wendet. Immerhin, die kleine Großstadt Trondheim beherbergt 30.000 Studenten, da lohnt es sich, auch jemanden wie Jarle Bernhoft einzuladen. But is this Jazz? - Das kann man diskutieren, muss man aber nicht.