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JAZZTHETIK LiveJazzdor ist und bleibt eines der besten Festivals des Kontinents. Philippe Ochem, gerade 60 geworden, leitet es seit 27 Jahren. Und das mit viel Liebe, Sachkenntnis und Geschmack.

Von Peter Bastian.jazzdorqÖÖlp © Peter Bastian
Auch wenn man als Auswärtiger nicht jedes Konzert des zwei Wochen dauernden Festivals erleben kann – schon an zwei Wochenenden sieht man eine Fülle an hervorragenden Konzerten und entdeckt viel Neues. Etwa das Gitarrenduo mit Noël Akchoté und Mary Halvorson: der Hammer! Und das nachmittags bei freiem Eintritt. Virtuosität trifft auf Melodie, schräge Rhythmik und eine ordentliche Portion Forschergeist. Auch kleine Etüden oder gewagte Coverversionen faszinieren. Eine Stunde später: wieder Halvorson, aber in einem völlig anderen Kontext. Anti-House, das New Yorker Quartett der deutschen Saxofonistin Ingrid Laubrock (außerdem mit Kris Davis am Piano und Tom Rainey am Schlagzeug), bietet verzaubernde Melodien, irgendwie außerirdisch, mit viel Swing, Geist, Charme und Schönheit. All das erlebt man abends bei den Stars nicht. Joshua Redman und Brad Mehldau finden erst spät wirklich zusammen. Davor: gepflegte Langeweile.

ist interessanter: Der Solist oder das ihn begleitende Trio? Bei qÖÖlp mit den Brüdern Theo und Valentin Ceccaldi an Geige und Cello, Ronny Graupe (g) und Christian Lillinger (dr) kann man das nie sagen. Das Quartett, das im Sommer bei Jazzdor Berlin sein erstes Konzert hatte, ist ein Glücksfall für den Jazz. Selten bilden Können, Überschwang und Musikalität eine dermaßen intensive und einfallsreiche Einheit. Da hatte es Brotherhood Heritage, die Hommage des Pianisten François Raulin an Chris McGregor, anschließend schwer. Aber zweifelsohne hört man Stücke wie „MRA“ oder „Andromeda“ immer wieder gern; die zehn Musiker legten ihr ganzes Herzblut in die mantrahaft wiederholten Bläsersätze.

Nicht durchgehend überzeugend war Hugues Mayots What If. Doch in seinen stärksten Momenten erinnerte das Quartett des Saxofonisten an die frühen Weather Report. Abends ein Sprung über die Grenze in die Offenburger Reithalle, wo der Posaunist Nils Wogram im Rahmen der Jazzpassage ein Doppelkonzert gab. Im bezaubernden Duo mit dem Pianisten Bojan Z. ließ er Stücke wie das Don Cherry gewidmete „Multi Don Kulti“ tanzen. Sein Quartett Root 70 (Hayden Chisholm, Phil Duncan, Jochen Rückert) erinnert an die West-Coast-Bands der 50er, spielt auch sehr gepflegt, aber aufregender. Allein Chisholms „Rusty Bagpipe Boogie“.

Was man solo aus einem Drumset herausholen kann, zeigte der Schweizer Julian Sartorius: sehr intensive Steigerungen bis zur absoluten Dichte. Die Bedmakers (Robin Fincker – sax, Mathieu Werchowski – viol, Pascal Niggenkemper – b, Fabien Duscombs – dr) spielten ihren Tribute To an Imaginary Folkband sehr überzeugend. Auch aus Irish Folk kann man hervorragenden Jazz machen. Der Trompeter Dave Douglas, der Gitarrist Marc Ribot und die Schlagzeugerin Susie Ibarra waren am Abend, kurz nach der Trump-Wahl, immer noch in einem „state of shock“. Vielleicht war ihr Konzert deshalb umso wütender – oder spielte es mit Wunschgedanken wie „New Sanctuary“ („It‘s about being in a good place.”). Zwischen schönen Balladen und Power pur hatte das Konzert alles zu bieten.