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JAZZTHETIK LiveAlle zwei Jahre, gleich nach Neujahr, durchweht eine frische Brise der Internationalität die so früh im Jahr noch im kulturellen Koma liegende Westfalenstadt Münster.

 

Von Jan Kobrzinowski.jazzms1 by stefan streitzJenny Scheinmann © Stefan Streitz

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Dort findet sich eine verschworene Familie zum Jazzfestival ein, die zunehmend in Ehren ergraut und partout nicht jünger werden will, während die Jungen auf der Bühne von den Alten in den Rängen und Logen des Theaters mit ihren immer offeneren Konzepten immer offenere Ohren fordern. Festivalchef Fritz Schmücker überrascht ein ums andere Mal mit viel Instinkt sich selbst und seine Leute mit programmatischen Wechselbädern, greift auf internationalen Bühnen das jeweils Beste ab, um es als Deutschland-Premiere einzuladen.

Das galt diesmal gleich für mehrere Formationen, die dann auch zu den Highlights gehörten. Empirical, ein supercooles Quartett aus England, sorgte mit einer Art Neo-Hard-Free-Bop für den frischen und eleganten Auftakt. I Am Three, das basslose Mingus-Trio-Projekt von Silke Eberhard, drohte anfangs über seine eigenen Ambitionen zu stolpern, wurde dann aber durch äußerst präsente Musiker gerettet, nicht zuletzt durch den Drive des Drummers Christian Marien. Gar nicht so anomal, sondern grandios endete der erste Abend mit dem Allstar-Projekt A Novel of Anomaly mit Schaerer-Biondini-Kalima-Niggli. Es machte einfach Spaß, bei diesem kreativen Feuerwerk dabei zu sein, und man bekam Lust auf mehr.

Drei Schlagzeugerinnen stellten auf dem Festival ihre grundverschiedenen rhythmischen Ansätze vor. Westfalenpreisträgerin Eva Klesse faszinierte mit ihrer jazzms2 by stefan streitzICP Orchestra © stefan streitzSoft-Touch-Spielweise, die klarmachte, was es mit dem Unhörbaren in der Musik auf sich hat. Das famose Sextett Boom Tic Boom der US-Drummerin Allison Miller wartete mit den spannendsten Kompositionen und eigenwilligsten Solisten des Festivals, u.a. Avantgarde-Urgestein Myra Melford (p), Kirk Knuffke (cornet) und Jenny Scheinman (v) auf. Die Französin Anne Paceo erweiterte mit dem fulminant angefetteten Sound ihrer Band (dr, rhodes, sax, voc) das Klangspektrum des ansonsten vorwiegend akustischen Festivals. Der Pianistin Kaja Draksler sowie den Sängerinnen Lucia Cadotsch mit Speak Low und Elaine Mitchener mit Alexander Hawkins (p) gelang, jeder auf ihre Weise, etwas Neues.

Zwischendurch outeten sich die „alten Männer“ des Festivals leider entweder als virtuose Besserwisser (Renaud García-Fons stellte seinen Duopartner, den Flamenco-Pianisten Dorantes, zeitweise kalt) oder kamen recht angestaubt daher wie die Brotherhood Heritage der französischen Erben von McGregor, Pukwana und Moholo. Die Aura einstiger Avantgarde hatte ausgehaucht. Charmant und lässig, bisweilen intensiv und immer äußerst unterhaltsam war das Duo Jacky Terrasson-Stéphane Belmondo mit Gast Majid Bekkas, der exotische Wüsten-Blue-Notes und warme Ethno-Gesänge beisteuerte. Wie immer pure gute Laune verbreitete das niederländische Impro-Großformat ICP. Im Trio des jungen portugiesischen Akkordeon-Genies João Barradas begrub leider jazzms3 by stefan streitzDaniel Zamir, Gilad Abro © stefan streitzSchlagzeuger Bruno Pedroso alle Feinheiten unter seinem Spiel. Ein alles umarmender Abschluss gelang Schmücker mit seinem letzten Programmpunkt, dem spielfreudigen Quartett des israelischen Saxofonisten und Chanteurs Daniel Zamir mit Gilad Abro (b), Omer Klein (p) und dem jungen Amir Bresler (dr) mit ihrer festlichen Mischung aus Jazz, nahöstlichen 5er- und 7er-Grooves und spirituellen Neujahrsbotschaften.