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JAZZTHETIK LiveUmgedeutete Traditionen und ein Möchtegern-Skandal – das Just Music Festival schaut weiter über den Tellerrand hinaus.



powered by jazzthetik smallVon Tim Gorbauch.justmusicCooper Moore (Kopf der Digital Primitives) © Frank Schindelbeck
Fünf blutjunge Musiker stehen da oben auf der Bühne und machen schnell klar, dass sie hier nicht mitspielen wollen. Dass sie nicht bereit sind, sich in die Tradition eines freien Jazz einbinden zu lassen, der mit heiligem Ernst immer wieder das Material befragt und in die Klänge förmlich hineinkriecht, um ihnen einen Rest von Würde und Freiheit abzuringen. In zappaeskem Gleichmut lässt das Moritz Wesp Quintett alle Erwartungen auflaufen und kontert sie mit performativer Lust am Absurden. Das ist amüsant, aber auch bald irrsinnig vorhersehbar. Vor allem erschreckt, wie wenig die Fünf für Musik übrig haben. Denn aus den vokalen, instrumentalen und theatralen Gesten, mit denen sie lustig jonglieren, entsteht: nichts. Aber zumindest ist gleich Feuer im Haus. Empört und erregt wird schon diskutiert, während das Moritz Wesp Quintett noch viele, viele Minuten lang mit öden Glissandi die Geduld ihrer Zuhörer testet. Für einen Skandal aber reicht es nicht, schon gar nicht in der Rückschau nach zwei Tagen und fünf weiteren Festival-Sets.

Oder anders gesagt: Wieder einmal hat sich beim Just Music Beyond Jazz Festival in Wiesbaden die Musik durchgesetzt.

Just Music ist ein besonderes Festival, einer ganz eigenen Musikhaltung verpflichtet, die viel mit freiem Jazz und freier Improvisation zu tun hat, aber über diesen Tellerrand auch immer hinausschauen will. Raimund Knösche und Uwe Oberg, die beiden Kuratoren, lassen dabei mit Vorliebe völlig Verschiedenes aufeinanderprallen. Nichts ist schließlich langweiliger als programmatische Eindeutigkeit. So kann auf das Verweigerungstheater des Moritz Wesp Quintetts die immense musikalische Dichte von Pat Thomas folgen, einer der zentralen Figuren der britischen Improvisationsszene. Mit orchestraler Vehemenz denkt Thomas an seinem Klavier Jazz-Geschichte und Gegenwart zusammen, überführt die Tradition des Stride Piano in die Jetzt-Zeit und lässt mitten in sperrigen Improvisationsspiralen alte Klassiker wie „Satin Doll“ von Duke Ellington oder Eric Dolphys „Miss Ann“ aufblitzen.

Ungemein fein gedacht ist die Musik des jungen Kölner Trios Die Fichten. In einer Kette kurzer kleiner Stücke mit Titeln wie „Negative Elefanten“ oder „Mogelantrieb“ hört man ungemein viel Musik, der man auf Dauer aber ein paar Widerhaken wünscht. Sehr viel tiefer gehen da die Improvisationen von Agustí Fernández am Klavier und Lucia Martínez am Schlagzeug. In den besten Momenten wird hier ein Maß an Konzentration hörbar, das das an beiden Tagen voll besetzte Kulturforum ganz still werden lässt. Zugleich öffnet sich ihre Musik genauso zur eigenen spanischen Tradition wie die des amerikanischen Trios Digital Primitives zu Blues und Gospel. Cooper Moore, ein alter New Yorker Freigeist par excellence, öffnet das Set mit dem Gesang zu „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“ und spannt dann einen riesigen Bogen, der amerikanische Roots Music mit den Mitteln des Free Jazz wiederbelebt. Oder umgekehrt. So genau lässt sich das nicht sagen.