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JAZZTHETIK LiveHärtetest für Hamburgs neuen Kulturtempel und seine Besucher: John Zorns Marathon-Konzert in der Elbphilharmonie.


Von Guido Diesing
. elphi asmodeusAsmodeus © Guido Diesing
Der Mann ist und bleibt ein Phänomen, für den übliche Maßstäbe nicht zu gelten scheinen. Für sein neues Bagatelles-Songbook hat John Zorn in drei Monaten 300 Kompositionen geschrieben, die nun ähnlich wie zuvor die Stücke aus dem zweiten Masada-Songbook den Musikern aus seinem unüberschaubaren Pool von Mitstreitern neues Futter geben. Und auch wenn der 63-Jährige sich entschließt, Auszüge der Bagatellen live vorzustellen, dann darf’s ein bisschen mehr sein. 27 Musiker hatte er nach Hamburg mitgebracht, die in der Elbphilharmonie in unterschiedlichen Konstellationen zwölf Konzerte an einem Abend bestritten, vom Solo bis zum Quartett. Der Titel Bagatelles Marathon war da fast schon untertrieben.

Den Auftakt machte Zorn selbst mit seinem akustischen Masada Quartet in Originalbesetzung, einem Stilmix aus treibenden Rhythmen, rasenden Melodiekaskaden, Ornette-Anklängen, ein paar Orientalismen und viel Tempo. Doch selbst in seiner Unberechenbarkeit bereitete der Masada-Auftritt nicht annähernd auf die Wechselbäder vor, die dem Publikum noch bevorstanden. Wenn Zorn auffährt, was ihn alles interessiert, dann bedeutet das ein Höchstmaß an Kontrasten. Er brachte es selbst auf den Punkt. Nachdem das Quartett von Pianistin Kris Davis seinen Auftritt mit einem ruhigen Stück beendet hatte, das auf eigentümliche Weise Exotica-Wohlklang und Abstraktion vereinte, leitete er mit einem knappen Satz zum nächsten Set über: „Was kann man nach so einer schönen Ballade Besseres machen als headbangen?“ Tatsächlich. Das junge Trio Trigger überfuhr die Zuschauer mit Hardcore in brachialer Lautstärke und einem Punch wie ein Schwergewichtsboxer, nur schneller. Beim Nova Quartet wechselten sich harmlose Lounge-Klänge, nervös flirrende und energisch federnde Passagen ab, bei denen sich Kenny Wollesen am Vibrafon regelrecht in Rage spielte.

Für delikate kammermusikalische Momente sorgten die beiden Cellisten Erik Friedlander und Michael Nicolas, das Duo Courvoisier-Feldman und besonders das fantastische Gitarrenduo von Julian Lage und Gyan Riley mit einem Maximum an Spielfreude, Transparenz und Virtuosität. Und dann Marc Ribot. Beim abschließenden Konzert des Power-Trios Asmodeus mit Trevor Dunn (b) und Tyshawn Sorey (dr) wirkte es beinahe, als wäre der ganze Abend auf diesen Moment zugelaufen. Ribot zerrte an seiner Gitarre, wand sich, wurde von der Energie des eigenen Spiels aus dem Stuhl gehoben, schien völlig im Klang aufzugehen und war doch hellwach, wenn es darum ging, die sprunghaften Ideen und Gesten des neben ihm sitzenden John Zorn aufzugreifen. Morgens um kurz nach eins feierten die Zuschauer, die durchgehalten hatten, begeistert einen Abend mit einem Übermaß an Kreativität und Können. Zorns Bagatelles bieten Musik, die in ihrer Komplexität nicht eintönig wird und abstrakt genug ist, um den Ausführenden große Freiheiten zu lassen – Musik, in der man auf alles gefasst sein muss.