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JAZZTHETIK LiveEs war das Jahr der Tasten, der Stimmbänder und der Träumer.

powered by jazzthetik smallVon Thomas Kölsch. Jazzkantine 3362 pJazzkantine © Thomas Kölsch
Beim Jazzfest Bonn 2017 sorgten vor allem die Pianisten für atemberaubende Erlebnisse, verzauberten und begeisterten – allen voran Brad Mehldau, der als einziger Künstler ein Solokonzert geben durfte (üblicherweise gehören Doppelkonzerte zum Festivalkonzept) und in der Oper einen fulminanten Auftritt auf höchstem technischen Niveau präsentierte. Gänsehautmomente schufen auch die wunderbare Julia Kadel und die virtuose Traumweberin Rita Marcotulli, die dank ihres lyrisch-dynamischen Spiels aus wellengleich wogenden Melodien zusammen mit dem Akkordeonisten Luciano Biondini ebenso zärtliche wie kraftvolle Landschaften entstehen ließ. Am anderen Ende des Spektrums lauerte Neil Cowley, der mit beständigen, fast schon monotonen Schlägen die Jazz-Juwelen aus zahllosen Rock-Schichten freilegte und sich an immer komplexeren Strukturen versuchte, während Bassist Rex Horan mit elegischem Bogenschwung und elektronischen Hilfsmitteln Unterstützung leistete und Drummer Evan Jenkins als mühsam gebändigtes Biest das Trio permanent weiter in die Tiefe trieb.

Die eingeladenen Sängerinnen wurden dagegen nur zum Teil den hohen Erwartungen gerecht. Jasmin Tabatabai, die mit der Jazzkantine für einen gefälligen und sich dem Mainstream anbiedernden Auftakt sorgte, blieb doch lieber bei charmanten Pop-Arrangements zu Liedern von Reinhard Mey, Georg Kreisler, Hildegard Knef und den Puhdys, rührte allerdings mit einem persischen Lied die Herzen; und auch Viktoria Tolstoy blieb mitunter etwas zu seicht und kitschig, leistete aber mit einer mutigen Interpretation von Björks „New World“ Wiedergutmachung für das schmalztriefende „Angel“. Klasse dagegen Rebekka Bakken, die nach anfänglicher Weichheit den Samt von der Stimme riss, in den Blues einstieg und den zwischen Kuriositätenkabinett und Whiskeybar liegenden Stil von Tom Waits souverän adaptierte. Auch Laura Totenhagen sorgte mit ihrem Debüt für Aufsehen. Gerade mal fünf Jahre ist es her, dass die 25-Jährige ihre Oboe einpackte und mit einem Gesangsstudium begann; jetzt tanzte sie genüsslich im experimentierfreudigen Spannungsfeld des Modern Jazz, ihre Stimme mühelos allen Lagen und Situationen anpassend.

Zwischen den Klavier- und Vokalvirtuosen tummelten sich diverse experimentierfreudige und zum Teil erstaunlich rockige Jazzvertreter. Bassist John Patitucci jagte mit phänomenaler Leichtigkeit über die Saiten, Niels Klein lud zum Sternenritt quer durch die Klang-Galaxie ein, vorbei an verzerrenden Störfeuern und Dissonanz-Ausdehnungen, und Vibrafonist Christopher Dell konzentrierte sich mit DRA völlig aufs Zählen, um in den komplexen Kompositionen mit ihren beständig wechselnden Metren und Tempi nicht den Überblick zu verlieren. Andere machten es dem Publikum leichter. Heiner Schmitz zum Beispiel, der mit Organic Underground herrlich groovende, funkige und an Eddie Harris angelehnte Stücke spielte. Oder Omer Klein, dessen elegantes Klavierspiel einen zarten Schmelz aufwies. Gleiches galt für die Singer-Songwriter-Bassistin Ellen Andrea Wang, die mit Marius Neset den Abschlussabend gestaltete. Doch unabhängig vom Stil – das Aufgebot, das Intendant Peter Materna nach Bonn geholt hatte, erwies sich als überragend. Und natürlich wird es angesichts des Erfolgs (über 6000 Besucher, fast alle Konzerte waren ausverkauft) im kommenden Jahr weitergehen. Mit noch mehr Kontrasten. Und jeder Menge gutem Jazz.