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JAZZTHETIK LiveDer Weg von der Hafenstadt Bergen hinein in die Berge Richtung Voss gestaltete sich zäh.

Von Karsten Mützelfeldt.
Es mochten auch Jazz-Fans sein, die für Stau auf der Straße sorgten – vor allem aber Erholungshungrige, die am Wochenende Skifahren wollten, in und um Voss herum. Ein 15.000-Seelen-Ort, idyllisch gelegen an einem See, in dem sich die schneebedeckten Berge spiegeln, unweit der schönsten Fjorde eines Landes, das nun auch ganz offiziell die glücklichsten Menschen des Planeten beherbergt. Das Festival, zum 44. Mal veranstaltet und längst ein Social Event, besticht mit großer Qualitätsdichte und Bandbreite: mit Jazz und dem, was die Norweger darunter verstehen, mit Pop, Singer/Songwriter, Electronica, Volks- und Weltmusikalischem. Seit zehn Jahren zeichnet Trude Storheim als Leiterin verantwortlich, sie greift vor allem auf den Pool heimischer Kreativkräfte zurück, der Blick schweift selten über den nationalen Tellerrand. Amerikaner waren an einer Hand abzuzählen, unter ihnen die Hälfte des schwächelnden Tomasz Stańko New York Quartet und der souverän Tradition und Avantgarde vereinende Pianist Matthew Shipp. Es gab viel zu entdecken: etwa Dänemarks in Norwegen lebende Mette Rasmussen, die auf dem Altsaxofon die Grenzen klanglichen Ausdrucksspektrums auslotet. Oder zwei brillante Kora-Spieler: den aus Gambia stammenden Dawda Jobarteh, Duo-Partner des dänischen Schlagzeugers Stefan Pasborg, und den Senegalesen Ablaye Cissoko, Teil eines neuen Trios um die Sängerin Kristin Asbjørnsen.

Wer eine Instrumentierung mit tp/as/p/b/dr ausmacht, mag andernorts Bop erwarten – nicht so in Norwegen. Und wer die unweit von Voss beheimatete Hardanger Fiddle entdeckt, ahnt: No Bebop spoken here. Der Perkussionist Terje Isungset präsentierte mit Musikern, die woanders als Norwegian All Stars angepriesen worden wären (u.a. Arve Henriksen, Morten Qvenild, Nils Økland und Mats Eilertsen), eine Auftragskomposition: einen rhythmisierten Klangrausch mit archaischen Sounds und solchen, die nicht von dieser Welt zu stammen schienen, mehr „Imaginaire“ denn „Folklore“ und keiner Idiomatik folgend.

Am Ende: stehende Ovationen und einmal mehr die in Norwegen so kultivierte Wertschätzung des Parameters Klang. Soundingenieur Asle Karstad, vielleicht der Beste seines Faches, wurde auf die Bühne gebeten und gefeiert. Wenn in Voss einmal der Klang nicht optimal war, fiel es sofort auf – wie bei der suppigen Ambient Fusion von Møster. Die zweite Auftragsarbeit ging an die Klavier spielende Sängerin Susanna (Wallumrød) – introvertiert, geheimnisvoll, gelegentlich rätselhaft und dabei so intellektuell unterkühlt, dass sie nur die wenigsten erreichte. Und immer wieder Duos: Was für Veranstalter in ökonomischer Hinsicht attraktiv ist, begünstigt etwas, das im Norden ohnehin gepflegt wird: die Kultur des Zuhörens. Der Wahl-Norweger John Surman reiste mit seiner im Mai 80 gewordenen Partnerin Karin Krog an. Und die im November stolze 89 (!) werdende Sheila Jordan bescherte mit Cameron Brown sich und den Zuhörern ein Flow-Erlebnis, dessen Auslöser wie so oft unklar blieb – right time, right place, right people. Ihr euphorisiertes Publikum entließ sie mit der Bemerkung: „If I don’t see you next time, I’ll see you in heaven…“