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JAZZTHETIK LiveZusammenfassend kann man über JazzBaltica 2017 sagen: Changes und Melodien, die man auf dem Heimweg noch im Ohr hat, sind offensichtlich momentan out. Wucht und Energie bestimmten das Klangbild, rhythmisch raffiniert und in Blöcken aneinandergesetzt.


Von Angela Ballhorn.JB2016Vincent Peirani © Ulrich Jank

Egal, ob die lautstarke und umjubelte Monika Roscher Bigband, deren Leaderin irgendwann im lady-gagaesken LED-Kostüm auf der Bühne erschien, oder das Quartett Jin Jim um den Flötisten Daniel Manrique Smith – harmonisierte Patterns beherrschten die Bühne. Gerade deshalb war es das Melodische, das aus dem Programm herausstach wie beim norwegischen Quartett Pixel um Ellen Andrea Wang. Vor allem, wenn nicht nur die Bassistin, sondern die ganze Band im Satz sang – einfach betörend. Auch der schwedische Pianist Jan Lundgren setzte sich ab. Seine Hommage an seinen Landsmann Jan Johansson war ein Highlight des Festivals. Die einfachen, aber keineswegs banalen Volkslieder aus Schweden, Russland und Ungarn, die Johansson in den 60er Jahren aufgenommen hat, hat Lundgren für Klavier, Bass und Streichquartett filigran arrangiert.

Die ACT-Superband, bestehend aus Michael Wollny (p), Emile Parisien, bei dem man immer Angst haben muss, dass das Sopransaxofon mit ihm durchgeht, Vincent Peirani (acc) und ACT-Neuzugang Andreas Schaerer (voc), legte eine furiose Performance hin, deren Virtuosität einen schwindlig werden ließ, deren musikalischer Inhalt allerdings noch hinter dem Können zurückblieb. Die Entwicklung des Quartetts dürfte spannend werden. Gefälliges bot Joo Kraus mit seiner Band, dessen Kompositionen, Gesang und technische Spielereien am Instrument trotz sehr später Stunde Spaß machten und wach hielten. Echoes of Swing begeisterten zum Festivalschluss mit zeitloser Musik, Witz und charmanten Moderationen.

JazzBaltica bedeutete 2017 erneut ausverkaufte Konzerte, begeistertes Publikum (mit viel Sitzfleisch), das zum Beispiel mit der diesjährigen IB.SH-Jazz Award-Gewinnerin Anna-Lena Schnabel ihr Mitternachtskonzert (und ihren Geburtstag) feierte. Die NDR Bigband ging mit ihrem neuen Leiter Geir Lysne andere Wege, die Aufführung zu einem Film über Watt hatte viel Potenzial. Viktoria Tolstoy sang Filmmelodien, das Tingvall Trio brachte neues Material mit, Peter Weniger hatte eine groovende Begleitband dabei, Sebastian Studnitzky spielte großorchestral, und Jasmin Tabatabai bezirzte das Publikum. Die Dance-Night ging gut los, Mezzoforte aus Island, die mit „Gardenparty“ 1983 einen Welthit hatten, feierten ihr 40-jähriges Bandjubiläum und wurden für das mitreißende Konzert um einen weiblichen Bläsersatz aufgestockt.

Für die Kinder hatte Nils Landgren das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten vertont. Der Komponist posaunte im absurden Eselskostüm über die Bühne – der Titel der Rampensau ging aber an den Erzähler Gustav Peter Wöhler, der wie ein Blues singender Derwisch herumtobte. Großes Kino für die Kleinsten (und die Erwachsenen). Nächstes Jahr zieht JazzBaltica um, die Evers-Werft steht nicht mehr zur Verfügung. Doch eine neue Location konnte in Timmendorfer Strand rund um den Kurpark gefunden werden.