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JAZZTHETIK LiveRima Khcheich ist in ihrer Heimat Libanon ein Star. Sie interpretiert die alten Lieder neu, singt neue Lieder und trifft den Nerv der Leute, vielleicht, weil sie da und dort auch mal Statements zur politischen Lage abgibt.



powered by jazzthetik smallVon Ralf Döring.morgenland festivalLayale Chaker © Andy Spyra
In jedem Fall blickt ihre Musik in die libanesische Seele – in deren lebensfreudige Seite, und das prädestiniert die Sängerin, das diesjährige Morgenland Festival Osnabrück zu eröffnen. Die Musik kommt an in der vollbesetzten Marienkirche, und wer’s experimenteller mag, für den mengt die fantastische Band, allen voran Klarinettist Maarten Ornstein, dem libanesischen Pop eine ordentliche Portion Jazz bei. Khcheich spielt mit einem Quartett aus Holland, was der Idee des Festivals entspricht. Dessen Leiter Michael Dreyer will Kulturen miteinander in Kontakt bringen und den Austausch fördern.

Eindrücklich verwirklicht sich dieser Gedanke im zweiten Teil des Eröffnungskonzerts: Der Ney-Virtuose Moslem Rahal aus Syrien und der libanesische Sänger Rabih Lahoud spielen mit Anna-Lena Schnabel (sax) und Florian Weber (p) traditionelle Musik aus dem Libanon, übersetzt in Jazz, sowie eigene Kompositionen. Weber hat Riesenspaß an vertrackten Metren, er denkt und spielt selbst gern in 23/16-Takten – da sind ihm die komplexen Strukturen der arabischen Musik ein Quell der Freude. Das klingt aus den rollenden Bassfiguren der linken Hand heraus, mit denen er zum Motor des Ensembles wird. Und da sich Schnabel akribisch in die komplexe Melodik eingefuchst hat, wird der Mix aus arabischer Rohrflöte und Lahouds rau-sonnigem Gesang mit Jazz-Saxofon und -Klavier zum ersten Höhepunkt des Festivals.

Tief in die musikalische Geschichte des Libanons taucht die Geigerin Layale Chaker ein. Im Soziokulturellen Zentrum Lagerhalle erforscht sie mit ihrem Ensemble Sarafand und Michel Godard die Goldene Ära der 1940er und 1950er Jahre. Die französischen Besatzer hatten das Land in die Selbstständigkeit entlassen, und für anderthalb Jahrzehnte prägten Literatur, Philosophie und Kunst das Leben in dem Land am Mittelmeer. Doch glücklich ist das arabische Volk erst, wenn es traurig sein darf, da macht das libanesische keine Ausnahme. Deshalb liegt ein melancholischer Grundton unter den Soli etwa des fantastischen Pianisten Elie Maalouf, der wunderbar zwischen der Melodik der Levante und dem Jazz pendelt. Daneben prägen der virtuose Oud-Spieler Mohanad Aljaramani und Michel Godard die Musik, der Wanderer zwischen sämtlichen Welten mit dem traurigen Sound seines Serpents und den Blitzen, die er aus seiner Tuba schleudert.

Noch ein Abend fügt sich perfekt in das Festivalmotto „Fokus Libanon“: Perkussionist Rony Barrak blättert mit seinem Landsmann Elie Khoury an Oud und Bouzouk im libanesischen Songbook der gemeinsamen Kindheit und Jugend. Die beiden spielen sich, sanft gestützt von Carlos Bouchabki (b), durch ihre Erinnerung. Der ausdrucksstarke und hochvirtuose Barrak ist der perfekte Gastgeber, der Khoury und der Musik den Vortritt lässt. Für ein paar rasante Darbouka-Soli ist trotzdem Platz, aber auch durch diesen Abend weht diese Melancholie, die offenbar typisch ist für den Libanon. Genau darin liegt der Wert des Morgenland Festivals: Es belehrt nicht, sondern zoomt eine fremde Welt über das Medium Musik ein Stück näher heran.