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JAZZTHETIK LiveMan könnte den Konfrontationen in Nickelsdorf vorwerfen, dass sie ihrem Namen immer seltener gerecht werden, aber: Warum soll man das Bewährte nicht wiederholen, wenn es funktioniert?



powered by jazzthetik smallVon Holger Pauler. by ziga kroritnikEvan Parker und Trance Map © Ziga Koritnik
Die 38. Auflage des Festivals für freie und improvisierte Musik im Burgenland zeigte eine Art Retro-Programm mit wenigen Schwächen, dafür aber etlichen (Wieder-)Entdeckungen. Und das Publikum nahm die Programmierung an.

Die Jazzgalerie ist bereits am Donnerstag gut gefüllt, ein Trend, der über die gesamten vier Tage anhält. Eingerahmt wird das Festival von zwei Duos, in denen Schlagzeuger den Takt angeben, welche die frei improvisierte Musik über Jahrzehnte geprägt haben: Han Bennink und Paul Lovens. Der 75-jährige Bennink hat den 40 Jahre jüngeren Klarinettisten Joris Roelofs an seiner Seite. Gustav Mahler wird zitiert, Ellington und Monk klingen durch. Die Motive lösen sich in spielerischer Leichtigkeit ab und auf. Paul Lovens knüpft mit dem Pianisten Sten Sandell zum Abschluss am Sonntag daran an. Das Zusammenspiel ist freier gehalten. Nach anfänglicher Suche werden die Spannungsbögen vielschichtiger. Mittellange Stücke zwischen Dialog und Disput. Ein gelungenes Heimspiel für Lovens, der nur zwei Häuser weiter wohnt.

Auch sonst stehen alte und nicht ganz so alte Bekannte wie Oliver Lake, Joe McPhee, Mats Gustafsson, Hamid Drake oder das ICP Orchestra auf der Bühne. Zu den Stammgästen gehört Saxofonist Ken Vandermark. Im Quartett mit Steve Swell (tb), Jon Rune Strøm (b) und Paal Nilssen-Love (dr) spielt er Free Jazz in Reinform: laut und treibend. Themen werden nur kurz angerissen und anschließend dekonstruiert. The Ames Room mit Jean Luc Guionnet (as), Clayton Thomas (b) und Will Guthrie (dr) ist ähnlich stürmisch, aber strukturierter. Die treibende Rhythmusgruppe spielt Ostinati, die durch minimale metrische Verschiebungen variieren. Das Saxofon schlängelt sich darüber. Es entsteht ein Sog, der alle in seinen Bann zieht. Einziger Kritikpunkt: Im letzten Drittel des Auftritts sind die Überraschungsmomente aufgebraucht.

The „B“ Quartet mit Magda Mayas (p), Mazen Kerbaj (tr), Mike Majkowski (b) und Tony Buck (dr) befindet sich derweil in einem Steigerungslauf: Innenklavier und präparierte Trompete erzeugen Geräusche, die von schweren Beats begleitet werden. Atonale Tanzmusik fürs Hirn. Left mit Katharina Klement (p), Isabelle Duthoit (cl, voc) und Matija Schellander (b) liefern die unpräparierte Variante. Duthoit spielt sich mal schimpfend, mal schreiend, dann wieder beiläufig erzählend in den Vordergrund. Stimme und Klarinette sind schließlich kaum mehr zu unterscheiden.

Evan Parker erfüllt sich mit Trance Map + am Samstagabend einen persönlichen Wunsch. Auf seiner Carte blanche stehen Matthew Wright (turntable, sampling), Adam Linson (b, electr) und das Duo Spring Heel Jack mit John Coxon und Ashley Wales (electr). Schwüle Luft durchzieht die Galerie, Gewitter vom Elektroniker und echte Blitze am Nachthimmel. Zwitschern und Zirpen, dazu bedrohliche Drones auf dem Bass. Im Zentrum sitzt Evan Parker mit dem Sopransaxofon: Zirkularatmung, dichte Soundscapes und wenige Shouts. Wenn er nicht spielt, umarmt er sein Instrument und hört, die Augen geschlossen, konzentriert zu. Die richtige Sedierung nach Mitternacht. Sweet Dreams – ein Motto, das für die gesamten Konfrontationen gilt.