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Jazz in E. war wieder einmal das Festival des fließenden Übergangs.

jazzine wildbirds und peacedrums torsten stapelWildbirds und Peacedrums © Torsten StapelVon Thomas Melzer.
powered by jazzthetikIm Verhallen des Konzerts stöpseln die fünf Pyramids-Musiker aus, schnappen sich irgendetwas Stromloses und entschwinden im klimpernden Gänsemarsch über die rechte Bühnenrampe. Man muss wissen: Der Saal im Eberswalder Paul-Wunderlich-Haus ist eine Rotunde. Hier gibt es keinen Anfang und kein Ende. Folgerichtig erscheinen die Pyramids gleich wieder, nun am linken Bühnenrand. In ihre Polonaise durch den feiernden Saal – an drei von vier Festivalabenden war er ausverkauft – reihen sich Kalle Kalima und Jimi Tenor ein, deren Tenors of Kalma den Abend eröffnet hatten. Jetzt pfeifen sie im Rhythmus auf ihren längst geleerten Bierflaschen. Und grinsen. Wie herrlich, es ist wirklich Festival!

Am Abend zuvor hatte sich das Rätsel um dessen diesjähriges Motto gelöst: „Tribal & Grooves“ ist ein Synonym für Wildbirds & Peacedrums. Der kreisrunde Saal wurde zum Krater eines Vulkans, in dessen Innerem wir saßen, als das Magma explodierte. Die Musik des Ehepaars Wallentin/Werliin ist von so archaischer Wucht, zugleich von so verletzlicher Nacktheit, zudem von solch künstlerischem Mut, dass eine kollegiale Verabredung allein nicht ausreichen würde, derart zu musizieren. Dafür bedarf es wohl der Vertrautheit und des bedingungslosen Füreinandereinstehens eines Paares.

Als dieses am Nachmittag noch die Regler justierte, entstieg auf dem Eberswalder Bahnhof ein anderes Paar dem Regionalexpress. Nur ein verschlissener Akkordeonkoffer deutete darauf hin, dass es sich um Musiker handeln könnte. Dieses Paar lebt nicht zusammen, ja es hatte zu jenem Zeitpunkt noch nicht einmal gemeinsam auf einer Bühne gestanden. Was es verbindet, ist die äthiopische Herkunft, die Musik der Heimat und das Exil. Das Konzert von Sofia Jernberg und Hailu Mergia war dann eines der ungewöhnlichsten des Festivals. Das bewegendste zumal. Wie oft im Leben hat man schon Gelegenheit, einem ersten Mal beizuwohnen? In diesem Fall zudem einem Zusammentreffen von wärmster Intimität.

Der nach Schweizer Volksmeinung weltbeste Alphornbläser heißt Arkadi Shilkloper. Dieser packte am letzten Festivaltag gerade seine Röhren aus, als Pyramids-Bassist „Heshima“ Mark Williams eine letzte Runde durch das Haus zog, vor dem Bauch das iPad, am anderen Ende der Skype-Verbindung die Familie im heimischen San Francisco. Ich will ihnen Karl Marx zeigen, Acryl auf Leinwand, von Paul Wunderlich mit verkniffenen Schweinsäuglein ausgestattet und in ein Fadenkreuz aus Streichhölzern gesetzt. Wir finden das Bild nicht, egal. „Was wird morgen hier passieren, wenn das Festival vorbei ist?“, fragt Williams. „Dann gehört das Haus wieder der Administration, und im Saal versammeln sich die Abgeordneten.“ „Hey, man, Jazz und der deutsche Salvador Dali und Verwaltung und Parlament unter einem Dach. Du brauchst mir euren Karl Marx nicht zu zeigen. Ich glaube auch so, dass ihr noch immer Kommunisten seid.“