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Beim Wiedersehen mit Ginger Baker gab es durchaus Überraschungen zu erleben.

 Von Eric Mandel.
Ginger Bakers Stimme klingt wie durch einen Verzerrer und einen Ringmodulator verfremdet, als er sich durch das Schlagzeugmikrofon entschuldigt. Richtig gelesen, Ginger Baker, der mit seinem schlagzeugerischen Drive ebenso viele Leute bezaubert hat wie er durch einfach dumm gelaufene Moves vergrätzt hat, entschuldigt sich für das verminderte Tempo des Abends. Das Alter, die Schmerzen. In der Tat, im hochgeschlossenen Trainingsanzug und hinter dunklen Sonnengläsern sieht Ginger Baker nicht so aus, als würde er das Schlagzeugspiel heute genießen. Man muss die Augen schließen und den Sound aufnehmen, um es zu merken, dann klappt’s. Sicher – das Alter, die Schmerzen –, der 75-Jährige trifft nicht mehr immer rechtzeitig das Fell. Andererseits: Niemand ist heute hergekommen, um sportliche Höchstleistungen zu bestaunen, niemand ruft „White Room“. Es geht heute wohl eher darum, einer Legende auf die Finger zu gucken, solange das noch möglich ist. Und praktischerweise hat Baker mit Pee Wee Ellis gleich noch eine Co-Legende mitgebracht. Der steht am Bühnenrand, lächelt, spielt das Thema, soliert solid, tupft sich die Stirn und wartet, bis er wieder an der Reihe ist. Den Bass bedient ein fähiger Musiksoldat, und für Groove und gute Laune ist der ghanaische Perkussionist Abbas Dodoo zuständig.

Die Stücke laufen ritualartig und mit aller Gelassenheit ab: Thema, Pee-Wee-Solo, Bass-Solo, Percussion/Drum-Dialog. So spielt sich das Quartett bar jeder Konfusion durch das Repertoire, bestehend aus Ginger-Baker-Originalen – mal Jazz, mal Blues –, Sonny Rollins‘ karibisch swingendem „St. Thomas“, Wayne Shorters „Footprints“ und dem nigerianischen Folk-Hit „Aiko“, der Baker und Dodoo Anlass gibt, gemeinsam dem Afrobeat Reverenz zu erweisen, dem Baker früher und dichter auf die Schliche kam, als jeder andere weiße Drummer seiner Zeit.

Die Bestuhlung erweist sich als vorauseilendes Zugeständnis an die möglicherweise eingeschränkte Tanzwut des durchschnittlichen Cream-Fans und ist eigentlich überflüssig, denn auch wenn nichts Außergewöhnlicheres passiert, als dass vier Herren gemütlich mucken – da ist doch dieser Groove, manchmal schlingernd, meistens schwingend, Schicht für Schicht klug aufgetragen, manchmal auf ein Minimum reduziert und immer zutiefst menschlich. Und mit derselben Milde, mit der Baker heute mal nicht seinen Fellen, Freunden und Fans den Abend zur Hölle machte, ließ seine Band sich am besten sanft mitschwingend genießen. Man schnippst mit den Fingern und fragt sich gegenseitig, ob man denn „den Film“ gesehen habe (gemeint ist der Dokumentarfilm Beware of Mr. Baker, in dem der alte Grantler dem Regisseur schon in Szene 1 was mit dem Stock auf die Nase gibt). Den messbaren Höhepunkt liefert schließlich Abbas Dodoo, als er nach der achten und letzten Nummer das Mikrofon ergreift und das Publikum auffordert, den Recken auf die Bühne zurückzurufen. Alle Beteiligten werden hartnäckig lauter, bis der Schalldruck obsiegt: Ginger Baker lässt sich aufs Podest ziehen, lehnt sich zurück, lässt die Sticks noch einmal über die Felle tupfen – und lächelt.