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Musik und Kunst sollten aus der Gesellschaft kommen, damit deren Mitglieder sich artikulieren und einmischen. In diesem Sinne schöpfte das Moers-Festival viel Symbolkraft aus einer Performance der Französin Eve Risser.

 powered by jazzthetikVon Stefan Pieper. moers frank gratkowski by kurt radeFrank Gratkowski © Kurt Rade
Hatte diese gerade noch ihr Publikum in feingewebte instrumentale Traumwelten entführt, erhoben sich plötzlich Menschen im Publikum, um sich gemeinsam wie in einer Art Flashmob-Aktion aufs Unerwartete einzuschwören. Stimmen in vielen Tonhöhen vereinigten sich im Gesang und füllten den Raum. Der Konzertbetrieb braucht viel mehr solcher Happenings – vor allem, wenn man wie Festivalleiter Reiner Michalke in der künstlerischen Freiheit improvisierter Musik ein Mittel sieht, auf gesellschaftliche Zustände zu reagieren. Was den Künstlern, Bands und Projekten in Moers dazu einfiel, war unterschiedlich dezidiert, verschaffte sich aber in unmittelbarer Emotion Gehör.

Das Durchbrechen schöner Oberflächen ist Programm bei Jelena Kuljic. Geballte Lebensenergie und noch mehr Wut artikuliert sich in den harschen Wortsalven der aus Serbien stammenden, in Berlin lebenden Sängerin. Ihre Worte spiegeln extreme, oft auch düstere Empfindungswelten wider, ähnlich wie die Gedichte von Arthur Rimbaud, in denen sich Kuljic zu Hause fühlt und die vielen neuen Stücken der Band Z-Country Paradise zugrunde liegen. Die neue Formation (unter anderem mit Frank Gratkowski und Kalle Kalima) ließ mit aufrührerischem Biss musikalische Ideen explodieren. Nicht minder unmittelbare Emotionen kamen aus Syrien nach Moers: Tief empfunden strahlen die melancholischen Arabesken des Oud-Spielers Ziad Rajab aus sich selbst heraus, Wärme und Freude artikulierend. Unmittelbarkeit kommt mit wenigen Worten aus. So etwas berührt angesichts des aktuellen Geschehens in dieser Region.

Das Moers-Festival bildet gerne die Entwicklung kreativer Musiker über Jahre hinweg ab. Einmal mehr präsentierte in diesem Jahr der britische Saxofonist und Soundabenteurer Colin Stetson seine querdenkerische Ästhetik und rief gleich in mehreren Konstellationen stark aufwühlende Zustände hervor: Kammermusikalisch beschwörend vereinte sich Stetsons Spiel mit seiner Violinen-Partnerin Sarah Neufeld. Extrem brachial wurden später in einer anderen Besetzung monochrome Klangverdichtungen durchaus physisch schmerzhaft auf die Spitze getrieben. Und alle in der neuen Festivalhalle ließen sich betören und spirituell mitreißen, als Stetsons arpeggiertes Spiel zum Epizentrum eines ernsten sinfonischen Gefüges wurde – in einer Neuinterpretation von Henryk Góreckis dritter Sinfonie, einem Requiem.

Zu den sorgsam gehegten Pflänzchen des Festivals gehört auch der New Yorker Trompeter Peter Evans, einer der am schwindelerregendsten aufspielenden Vertreter seiner Zunft. Evans‘ Trompetenphrasen im Spiel mit seinem Trio Pulverize the Sound lodern, gleißen und sieden über metal-affinen Trommelfeuerwalzen von Bass und Schlagzeug. Aber: Bei allem Tumult pflegten die drei in Moers einen ausdifferenzierten Diskurs.