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Das Jazzfestival in Cheltenham ist Konzertereignis und Volksfest in einem.

 Von Christoph Wagner.
Was man auf dem Kontinent mit Namen wie Moers, Marciac oder Willisau verbindet, verkörpert in Großbritannien Cheltenham. Das schmucke Städtchen in Mittelengland veranstaltet seit Jahren das einwöchige Cheltjazzfest. Dazu wird eine Grünfläche im Ortskern in ein riesiges Heerlager aus Konzertzelten, Imbissbuden, Schallplattenständen und einer mobilen Kunstgalerie verwandelt. Bei sonnigem Wetter machen es sich die Fans mit einem Pint auf dem Rasen gemütlich – Jazz wird zur Party und zum Volksfest.

Das Big-Top-Zelt im Park fasst 1200 Besucher und ist für die Topacts reserviert. Dieses Jahr traten dort Medeski Martin & Wood mit Special Guest Jamie Cullum auf, sowie Archie Shepp, der kurzfristig für das Sun Ra Arkestra eingesprungen war. In intimerem Rahmen war in der nahegelegenen Stadthalle das Lee Konitz & Dave Douglas Quintet vor ausverkauftem Saal zu hören. Die Gruppe bot ein Programm aus bekannten Standards, die auf sehr lose Weise interpretiert wurden. Mittlerweile in seinem 88. Lebensjahr, erwies sich Konitz als weiser Zen-Meister des modernen Jazz. Er nahm sich die Freiheit, seine Soli entweder zu singen oder auf dem Altsaxofon zu intonieren, wobei er immer im Zwiegespräch mit der Trompete von Dave Douglas blieb.

Wenig puristisch, reichte das Programm bis in den Weltmusikbereich hinein, der von einer Afrobeat-Reihe abgedeckt wurde. Den Auftakt machte der Erfinder des Stils, der nigerianische Drummer Tony Allen. Mit Hut und Sonnenbrille majestätisch auf dem Schlagzeugpodest residierend, gelang es dem ehemaligen Trommler von Fela Kuti mit seiner Band, ein gut geöltes Räderwerk aus Beats, Riffs und scharfen Bläsersätzen in Gang zu setzen. Gegenüber dieser authentischen Version fiel Joe Lovanos Afrobeat-Projekt mit seiner Village Rhythms Band merklich ab. Angeführt vom robusten Saxofonton des Bandleaders, klang die Musik eher nach einer Jazzrockfusion, der Talking Drum und Kora etwas afrikanisches Flair verliehen.

Experimenteller ging es im Parabola Arts Centre zu. Der Schweizer Posaunist Samuel Blaser arbeitete sich mit seinem Trio in die freie Improvisation hinein, um über eine Strawinsky-Bearbeitung den Set mit einer ruhigen Meditation zu beenden. Alexander Hawkins heißt eines der vielversprechendsten Talente der britischen Szene. Der Pianist nahm sich mit der Sängerin Elaine Mitchener ein paar Jazzstandards vor und verfremdete sie auf so originelle Weise, dass sie auf neue Art zu leuchten begannen.

Durch die Kooperation mit dem amerikanischen Jazzgitarrenstar John Scofield hat das Pablo Held Trio in diesem Jahr den Sprung nach Cheltenham geschafft. Das Repertoire reichte von gedämpften Balladen bis zu aufheulendem Jazzrock, wobei die Kölner Band einen blendenden Eindruck hinterließ. Pablo Held bildete den feingeistigen Widerpart zu Scofields zupackenden Gitarrensoli, wobei Drummer Jonas Burgwinkel mit spritzig-dynamischem Spiel Akzente setzte und einmal mehr den Beweis erbrachte, dass Jazz der Spitzenklasse heute nahezu überall auf der Welt zu Hause ist.