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In der Fabrik, in der Küche, auf der Straße – Tallinns Festival Jazzkaar bringt Musik in die ganze Stadt.

Von Christoph Giese.
Es herrscht eine drangvolle Enge in dem kleinen Raum. Es ist Sonntag in Tallinn und Jazzkaar hat zu ein paar Gratis-Konzerten eingeladen. Da kommen sie dann alle, Jung und Alt, Familien mit Kindern. Eigentlich sollte das estnische Trio The Werg draußen auf einer Terrasse auftreten, aber es ist noch ziemlich kühl zu Beginn des Festivals. Der Mix aus Rock und Pop mit jazziger Attitüde der drei jungen Burschen an E-Gitarre, E-Bass und Schlagzeug klingt recht frisch, wenn sich die Stücke auch auf Dauer nicht mehr viel ändern. Aber die junge Band macht Spaß. Wie auch der finnische Schlagzeuger Tatu Rönkkö, der an mehreren Abenden des neuntägigen Festivals in die Küchen von Bewohnern Tallinns ging, um mit den dort vorhandenen Utensilien Musik zu machen. Jazzkaar möchte die Musik eben in die ganze Stadt bringen. So improvisierte Rönkkö auch auf der Straße, wo Breakdancer sich zu seinen spontan geklopften Rhythmen bewegten.

Ibrahim Maalouf eröffnete den größten Jazzevent im Baltikum – und enttäuschte ein wenig. Der französisch-libanesische Trompeter, der fast mehr auf einem Keyboard herumspielte als Trompete zu blasen, setzte mit seinem Electric Quartet mehr auf rockig tanzbares Entertainment als auf seine libanesischen Wurzeln. Dem estnischen Publikum gefiel dieser Sound, doch die Essenz in Maaloufs Musik blieb dabei ein wenig auf der Strecke. Auch der Duoauftritt des US-Gitarristen John Scofield mit dem in New Orleans beheimateten britischen Pianisten und Sänger Jon Cleary blieb trotz der gemeinsamen Exkursionen in Rhythm & Blues, Gospel und New-Orleans-Musik wenig anregend.

Der junge Este Aleksander Paal hat sich mit seinem Quartett zwar Retro-Jazz auf die Fahnen geschrieben, doch der junge Saxofonist ist ein brillanter Instrumentalist und geschmackvoller Musiker – und wurde direkt nach seinem Auftritt mit dem „Young Talent“-Preis ausgezeichnet. Dass Kadri Voorand eine der aufregendsten Jazzstimmen Europas ist, zeigte die Estin mit einem mitreißenden Auftritt voller packender Energie. Beim Amerikaner David Sanborn dagegen ist schon vorher klar, was man bekommt: Schneidend scharfe Altsaxofon-Linien zu funkiger Musik. E-Bassist Andre Berry und Drummer Chris Coleman waren in Sanborns Band die Garanten für Dauergroove.

Der neue Festivalspielort, an dem die meisten Konzerte stattfanden, ist für den ortsunkundigen Besucher gar nicht so einfach zu finden, liegt Telliskivi Creative City doch ein wenig außerhalb der Stadtmauern des historischen Zentrums. In dem ehemaligen Industriekomplex hat sich eine kreative Ecke mit Ausstellungsräumen, Restaurants, Cafés, Shops und Konzerthallen mit Charme entwickelt.
Musiker gab es auch in den letzten der neun Tage von Jazzkaar noch reichlich zu erleben. Nicht mehr für den JAZZTHETIK-Mitarbeiter, aber natürlich für die vielen Jazzfans in Estlands Hauptstadt. Gregory Porter, Mathias Eick, Owen Pallett, Ester Rada oder die albanisch-schweizerische Sängerin Elina Duni – sie alle waren in diesem Jahr Rädchen in einem trotz nicht durchweg überzeugender Konzerte lohnenswerten Festival.