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J01 purpleDas Morgenland Festival reist seit 2005 in der Welt herum: von Teheran nach Damaskus, vom Irak über Fernost nach Berlin und Amsterdam und wieder zurück nach Osnabrück.

Von Jan Kobrzinowski.
Festivalchef Michael Dreyer bucht seine Künstler nicht über Agenturen, sondern trifft sie in Cafés, Bars, auf Flughäfen und den Straßen des Vorderen und Mittleren Orients und sorgt alljährlich für ein Programm, das seinesgleichen sucht. 2015 stand die Erinnerung an die Vernichtung und Vertreibung des armenischen Volkes durch Fanatiker in der türkischen Führung im Jahre 1915 im Fokus.

Für spirituelle Dichte sorgte zu Beginn der armenische Duduk-Virtuose Jivan Gasparyan jr. mit einem Solokonzert in der Kunsthalle. Das Gurdjieff Folk Instruments Ensemble spielte spirituelle Tänze und Volkslieder auf traditionellen Instrumenten der Region. Sänger Ibrahim Keivo, armenischer Syrer, dessen Vorfahren beim Völkermord ums Leben kamen, rührte mit einem Lamento in kurdischer, armenischer und arabischer Sprache nicht nur das Publikum, sondern auch sich selbst zu Tränen. Mit dem Projekt Sommer-Akademie tat Morgenland 2015 etwas dafür, dass Jugendliche ihr Verständnis für orientalische Kultur erweitern. Die jungen Teilnehmer konnten beim Abschlusskonzert zeigen, was sie aus erster Hand von Morgenland-Musikern gelernt hatten. Am ersten Abend in der Lagerhalle luden zwei Vertreter der Jazzszene der armenischen Hauptstadt zur „Yerevan Jazz Night” ein. Vahagn Hayrapetyan (p) und Armen Hyusnunts (ss), verstärkt durch Gasparyan Juniors Duduk und Alex Baboian (g), bewiesen mit leisen Tönen bis hin zu kraftvollen Improvisationen, dass man in Armenien etwas vom Jazz versteht und mit einem sehr eigenen Sound spielt. Es endete in einer fulminanten Session mit Beteiligung weiterer Festivalmusiker.

Das wurde anderntags durch geballte Frauenpower noch übertroffen. Die drei Frauen des A-cappella-Trios Zulal stimmten das Publikum mit armenischem Vocal-Folk, gespickt mit Einflüssen von Vokalmusik aus aller Welt, auf eine lange Musiknacht ein. Festivalhöhepunkt war der Auftritt von Eurasians Unity. Das Konzept von Caroline Thon und ihrer Band ging auf: Reihum reicht man eine Komposition oder ein Lieblingsstück an ein Bandmitglied zur Bearbeitung weiter, das Ensemble studiert es ein und bringt es auf die Bühne. Das Ganze mündete in eine schier unglaubliche Session mit ca. 20 Musikern. Der Morgenland-Samstag war dann unterhaltsam und tanzbar. Die Straßenband Light in Babylon wirkte anfangs etwas deplatziert, kam aber später in Fahrt und leitete gut zu DJane Ipeks groovigen Oriental-Beats über. Tanz, Musik, Wort und Live-Malerei miteinander zu verbinden, gelang der Performance von Zulal-Mitglied Anaïs Tekerian und ihrem Mann, dem syrischen Maler Kevork Mourad. Gefühlvoll und ohne Pathos erzählte die Sängerin ihrer kleinen Tochter und dem Publikum die Geschichte der armenischen Großmutter. Dem jungen Cellisten Narek Hakhnazaryan gelang im Abschlusskonzert eine brillante Verbindung von so unterschiedlicher Musik wie der von Bach, Khudoyan, Komitas, Britten und Sollima.