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J01 purpleEin deutlicher Latin-Akzent unterstrich auch im sechsten Jahr das von Festivalleiter Jan Lundgren verfolgte Konzept: Weltnamen, Nordeuropäisches und Mediterranes mit Fokus auf melodischem Mainstream, präsentiert in familiärer, unkomplizierter Atmosphäre.

Von Frithjof Strauß.the rad trads per helsa by markus gersten2The rad trads per helsa © Markus Gersten
Zur Eröffnung spielt in Ystad immer ein ausgewählter Musiker gemäß alter Wächtertradition vom Turm der Marienkirche eine nächtliche Fanfare. Diesmal war es Latin-Trompeter Bobby Medina, der das Lied von der Tropenblüte „Capullito de alelí“ über die Dächer des mittelalterlichen Hafenstädtchens schmetterte. Blumen umgaben ihn auch beim Konzert seiner Band Latin American Jazz Experience. Umrahmt von den Stockrosen in Per Helsas Fachwerkhof stellte der grazile Musiker seine smoothen Arrangements vor. Er ist mit einer Ystädterin verheiratet, was hoffen lässt, dass man ihn bald häufiger in Europa hören kann. Am gleichen Ort sang auch Sylvia Vrethammar Swing und Samba. Auf Schwedisch kam sie noch unbekümmerter und fröhlicher rüber als auf deutschen Showbühnen. Den zupackendsten Latin Jazz spielte indes Richard Bona, der mit seinem karibischen Sexteto Mandekan Cubano angereist war. Hamilton de Holanda und Diogo Nogueira hätten eigentlich gar keine Filmbilder von der Copacabana zu projizieren brauchen: Ihr Konzert mit Songklassikern der Música Popular Brasileira fand nur wenige Meter vom schwedischen Südseestrand entfernt im schicken Badehotel statt, wo der Mandolinist funkelnd den sanften Sambasänger umspielte.

Das Setting der gotischen Marienkirche betonte die verrückte Theatralik in Maria Joãos barock ausschweifenden Interpretationen von Songs des brasilianischen Liedkünstler Guinga, mit dem sie im Duo auftrat. Während Maria João hibbelig gestikulierend Stimmencollagen zwischen Carmen Miranda und Mickymaus entfachte, betete hinter ihr die Holzskulptur ihrer Namenspatronin, und über ihr hing der überlebensgroße Gekreuzigte im Chorbogen. 13 der gut 40 Konzerte präsentierten Sängerinnen, allen voran Diane Reeves als Nonplusultra der Jazz Vocals. Die immerhin schon 78-jährige Karin Krog gedachte Billie Holiday, ohne sie im Geringsten zu imitieren. Schließlich hat Krog als allerhipste Stimme des Nordens ihren eigenen, unverwechselbaren Gesangsstil. Newcomerin Linnea Hall war ein großer Genuss. In Balladen aus dem Chet-Baker-Repertoire behandelte sie jedes Wort mit sachter Akkuratesse.

Bei jedem Ystad-Festival wird neben Konzerten aktuell erfolgreicher einheimischer Künstler (zumeist aus dem ACT-Pool) das Golden Age of Swedish Jazz in den 1950ern zelebriert. Anlässlich seines 80. Geburtstags konnte man so den Trompeter Jan Allen wieder hören. Mit Streicherbegleitung widmete sich Jan Lundgren dem Folklorejazz von Jan Johansson. 25 Jahre hat er gezaudert, sich dessen Musik anzunehmen. Da sie einen großen Einfluss seiner eigenen Pianistik bildet, wollte er nicht imitieren. Das ist ihm gelungen: Gegenüber Johanssons reduktivem, prägnanten Stil wirkt Lundgrens Klavier sanft-heiter parlierend. Mit der als Zugabe gespielten Pippi-Langstrumpf-Melodie im Ohr trat ein überglückliches Publikum in den meeresluftigen Abend hinaus.