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purpleNormalerweise gibt es beim traditionsreichen Spätsommer-Festival in Saalfelden das für die Region nicht untypische Niesel- und Regenwetter. Darauf mussten die Festivalbesucher diesmal verzichten zugunsten eines geradezu mediterranen Spätsommers.

 Von Achim Ost.saalfeldenFire!Orchestra © Petra Cvelbar
Dann sagte auch noch Thomas de Pourquerys Sun-Ra-Projekt kurzfristig ab und nahm dem Festival eine potenzielle saturnische Note, was auch immer das hätte sein können. Stattdessen sprang Michael Riesslers Trio mit Pierre Charial (Drehorgel) und Vincent Courtois (Cello) ein und eroberte das Publikum im Sturm mit seiner Verbindung von warmen Klangfarben, rhythmisch vertrackt gestanzter Orgelmusik, avancierter Melodik und rasendem Kontrapunkt in einem insgesamt lupenrein kammermusikalischen Jazz-Konzept.

Zum Auftakt hatte es in Saalfelden ein pointiertes Statement von Festival-Sprecher Harald Friedl zum sogenannten „Flüchtlings-Problem“ gegeben. Dass bei einem Jazzfestival nicht die Ausgrenzungsfanatiker das Wort führen würden, dürfte klar sein. Friedl postulierte, keiner dürfe sich aus der Verantwortung stehlen, wenn Menschen sterben.

Der Kompositionsauftrag für das Eröffnungsprojekt war an die slowenische Komponistin, Vokalistin, Flötistin und Elektronikerin Maja Osojnik gegangen. Die Wahl-Wienerin lieferte unter dem Titel All.The.Terms.We.Are einen düsteren, schwermütig-poetischen, klangreichen und oft druckvoll-intensiven Auftakt, der sich mit einiger Fantasie durchaus als musikalischer Zeitkommentar erleben ließ, ohne dass die verbalen Anteile zu politischen Eindeutigkeiten geronnen wären.

Viel eindeutiger, dafür in retrospektiver Schablonenhaftigkeit und ohne eine Spur von Politik kam James Blood Ulmer zum Abschluss des Festivals auf die Bühne. „Are You Glad To Be in America?“, fragte der Titel seines Programms. Ulmer vermied es, schmerzliche Erinnerungen an subtilere Zeiten (etwa mit Ornette Coleman) zu wecken, ließ es stattdessen richtig krachen, wobei ihm seine Oktett-Besetzung mit den auch langsam älter werdenden Helden David Murray, Oliver Lake und Hamiett Bluiett virtuos und dynamisch zur Seite stand. Die Antwort auf die programmatische Frage aber zog sich verbal auf das gute alte Bekenntnis „Jazz is the teacher, funk is the preacher“ zurück. Steve Coleman, Veteran der M-Base-Ära, kam mit einem 14-köpfigen Ensemble mit Streicherbeteiligung und einem Crossover-Gedanken, der sich nicht recht abrunden wollte. Da war die pointierte Postmoderne des Quartetts Mostly Other People Do the Killing schon plausibler.

Christian Muthspiel (tb) brachte mit seinen Trio-Partnern Franck Tortiller (vib) und Jerome Harris (b) den Mut auf, die Arbeit an einem Denkmal vorzuführen: Unter dem ambivalenten Titel Homesick wurde ein klingendes Denkmal skizziert für den 2001 verstorbenen ironisch-rebellischen Tiroler Werner Pirchner und seinen 2005 verstorbenen Zwio-Partner Harry Pepl. Muthspiels Erinnerungsarbeit verweist auf eine kulturell-politische Qualität, die es als künstlerische Motivationslage in Deutschland so kaum gibt, nämlich die schmerzgeplagte und dennoch heiter-affirmative Fundamentalopposition. Scheint etwas typisch Österreichisches zu sein. Ob es lernbar ist?