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purpleNur drei Konzerte gab es diesmal beim Jazz an einem Sommerabend zu erleben. Doch die hatten es in sich.

 Von Stefan Pieper.sommerabend Ola Kvernberg v Steinar Raknes b by Stefan PiperOla Kvernberg, Steinar Raknes © Stefan Pieper
Ein perfekter Sommerabend in ebensolchem Ambiente: Man kann barfuß durchs Gras laufen und schwelgt mit Gleichgesinnten unter einem runden Zeltdach vereint in großer Musik. Der „Jazz an einem Sommerabend“ machte die Burg Linn bei Krefeld wieder einmal zu einem magischen Ort. Dabei war die Zuschauerzahl etwas geringer als im Vorjahr und das Programm auf nur drei Bands komprimiert. Aber dies muss ja nicht von Nachteil sein. Zwei herausfordernde Darbietungen voller ambitionierter Improvisationskultur umrahmten einen Act, der umso mehr atmosphärisch eintauchen ließ.

Das Krefelder Publikum ist dank des unermüdlichen Engagements des Krefelder Jazzclubs sowieso in bestem Sinne hörerfahren für jedes musikalische Abenteuer. Das nutzen zu Beginn Christian Lillinger, Wanja Slavin, Peter Eldh und als Special Guest der US-Trompeter Ralph Alessi. Um es gleich vorwegzunehmen: Das Quartett ist der Höhepunkt dieses Jazz-Sommerabends. Schlagzeuger Lillinger macht seinem Ruf als unangepasster Forschergeist bestens Ehre. Zu Beginn spannt er sein Publikum mit einem verqueren, unablässig getrommelten Triolenmotiv auf die Folter, in das sich dann seine Mitstreiter einklinken. Die rhythmischen Strukturen werden komplexer, polymetrischer, asymmetrischer, aber Trompeter Alessi und Wanja Slavin auf dem Altsax bleiben dem Trommler in jedem Sekundenbruchteil ganz dicht auf den Fersen, legen aberwitzige Spielfiguren über die rhythmischen Muster, nutzen spielfreudig jede Chance, die der Moment bietet. Das ist Jazz, der aus dem Heute kommt. Obwohl – bestimmt hätten hier auch Ornette Coleman und Co. bestens Anschluss gefunden.

Später wird die Burganlage angestrahlt und ein stimmungsvoller Mond erhebt sich über den Turmzinnen. So viel Romantik passt zum Trio des norwegischen Geigers Ola Kvernberg. Dessen Spiel flicht Klangteppiche und zeichnet mit kalligraphischer Finesse melodische Linien. Vertraut und kühn zugleich wirken diese, und der elektrifizierte, oft mit Melismen und Mikrointervallen auch etwas südasiatisch wirkende Streichersound gemahnt ans Mahavishnu Orchestra. Steve Lehman ist Altsaxofonist – und Musikdenker, Theoretiker, Forscher, Konstrukteur. Ein wahnwitzig schneller, ideenreicher Spieler mit großer analytischer Präzision obendrein. Auf Burg Linn zelebriert er im Trio die reine Lehre und dies in schwindelig machender Virtuosität. Die Läufe, Skalen und Intervallstrukturen aus Lehmans Horn sind ein nie enden wollender Reflexionsprozess. Diesem zu folgen, fordert Konzentration. Wer hier aufmerksam mitgeht, wird beglückt. Aber der ganze temporeiche Spielfluss wirkt auf die Dauer etwas introvertiert. Noch beglückter wäre man mit noch lebendigerer Live-Dramaturgie gewesen. Genug Material gibt Lehmans innovatives Spektrum dafür allemal her. Weltklasse – und dies gilt nicht minder für die unfassbar agile Rhythmusgruppe auf der Krefelder Bühne – war hier dennoch erfahrbar.