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ApparatDer Apparat lässt sich Zeit. Manchmal muss man ihm auf die Sprünge helfen. Neustarten oder Festplatte aufräumen? Oder mit der Festplatte neu starten. Geht auch. Gut sogar. Man häuft ja ganz schön was an. Bücher, Zeitschriften, Platten, CDs ... und inzwischen auch viel digitalen Krempel. Bei dem einen stapeln sich unzählige Fotos in den Dateiordnern, bei dem anderen sind es Textentwürfe und bei Musikern dementsprechend Soundfiles. Gute Zeiten für die Hersteller von Speichermedien. ApparatVon Klaus Smit

 

Auch der Berliner Sascha Ring a.k.a. Apparat hatte ganz schön was herumliegen auf der Festplatte. Mehr als 70 Fragmente, halbfertiges Zeug, manchmal auch nur einzelne Ideen. Der Impuls, das Ganze vier Jahre nach der letzten eigenen Veröffentlichung (die viel beachtete Kollaboration mit Ellen Allien im vergangenen Jahr und die EPs nicht mitgerechnet) mal zusammenzutragen und endlich wieder ein richtiges Album herauszubringen, kam bei Apparat von außen: »Ich bin eigentlich ein fauler Sack. Irgendwann hat mir ein Freund gesagt, dass ich endlich mal die Kraft aufbringen sollte, die Stücke abzuschließen, bevor sie alt werden. Früher, in der analogen Welt, hatte man nicht die Speichermöglichkeiten - und das hatte auch seine Vorteile: Man musste ein Stück, das man angefangen hatte, auch beenden. Heutzutage speichert man alles ab und kann es nachher genauso rekonstruieren. Man denkt, das macht man später fertig, aber das macht man dann doch nicht. Auf Walls sind Sachen, die sind teilweise vier Jahre alt, von denen ich dachte, dass sie jetzt Schrott sind, aber irgendwie passten die dann teilweise auch wieder gut dazwischen.«

Wenn man das referenzlos betitelte Walls mit einem Wort beschreiben soll, dann nimmt man dieses: Pop. Es hat alles, was ein gutes Pop-Album ausmacht: Melodien, Melodien, Melodien. Es hat aber – und das macht es zu einem Pop-Album der außergewöhnlichen Art – auch verquere Beats, verstörende Tonfolgen und eigenwillige Gesangslinien. Walls ist auf die gleiche Art Pop wie Björks Platten Pop sind: mit Fäden aus und in alle möglichen Richtungen (wenn auch zugegeben bei Apparat nicht ganz so viele). So sind zum Beispiel gleich das erste Stück, »Not a Number«, und das letzte, »Like Porcelain«, Minimal der schönsten Art. »Hailin from the Edge« und »Holdon« mit dem Gesang von Raz Ohara sind die Hits der Platte, auf die sich alle werden einigen können und die in unterschiedlichen Kontexten funktionieren: auf der Tanzfläche, im Radio oder auch für sich alleine. Und dann gibt es noch Stücke wie »Fractales Pt. I« und »Fractales Pt. II«, die kratzen und schaben und das Dazwischen repräsentieren. Für Ring gehören sie alle zusammen und machen das Format erst aus: »Ich bin ein Anhänger des Albums. Ich halte auch nicht viel davon, sich nur einzelne Stücke herunterzuladen und die eigenen Compilations zusammenzustellen. Die wahren Perlen einer Platte gehen einem dann durch die Lappen. Das sind die, die erst nach mehrmaligem Hören ihre Pracht entfalten. Ich mache sehr gerne Alben, denke über den Verlauf der Stücke nach und packe auch Sachen dazwischen, mit denen ich nur in diesem Kontext durchkomme.«

Der wiederum ein vollkommen anderer ist als ein Auftritt Apparats. Bei Rings Live-Manipulationen mit Max/MSP (eine grafische Entwicklungsumgebung für Musik und Multimedia) geht es hart und kantig zu, und bei Bedarf wird auch schon mal der Techno-Knüppel herausgeholt. Zwischen den Konzerten und Walls liegen Welten: »Das, was ich live mache, fließt eigentlich kaum in die Arbeit an den Platten ein«, erzählt Ring. »Als ich angefangen habe, habe ich auch viele ruhige Sachen gemacht. Das ist dann nach und nach immer härter geworden, weil ich ständig in einem Club-Kontext gelandet bin. Bei Walls dachte ich wirklich, dass ich eine Art Update der verschiedenen Apparats der vergangenen Jahre mache, aber im Studio funktioniert das einfach nicht. Dazu brauche ich die Live-Situation mit Menschen vor mir, ich brauche die Energie - und ich brauche die laute Anlage mit Monitor-Boxen, die in den Ohren schmerzen. Im Studio hat sich das nie richtig rekonstruieren lassen. Das ist aber andererseits auch nicht nötig, da ich dort viel detaillierter vorgehe und nicht so sehr mit dem Vorschlaghammer.«

Und das liegt vor allem auch an der Produktionsweise. Mit dem zeitaufwändigen Max/MSP – die Zeitschrift DE:BUG verlieh ihm für seine Programmierungen den Titel »Berlins offizieller Max/MSP-Beauftragter« – hält sich Sascha Ring im Studio kaum auf. Die Entwicklung geht bei ihm eher in die entgegengesetzte Richtung: weniger Gefrickel, Programmierung, Sounddesign als vielmehr richtige Instrumente, die er reihum ausprobiert. So stehen in seinem Studio u.a. verschiedene Gitarren, Klavier, Schlagzeug, Percussion, Vibraphon herum. »Wenn es läuft«, erzählt Sascha Ring begeistert, »dann springe ich durchs Studio, nehme alle möglichen Instrumente auf und sammle einen riesigen Pool von Sounds an. Das Gefrickel besteht nur noch aus Phasen, in denen ich das mal mache. Wenn ich mal Langeweile habe, kann ich durchaus noch einen ganzen Tag lang an einem Sound herumpolieren. Aber das passiert nicht mehr so häufig wie früher.«

Zunehmend wichtiger und zum markantesten Merkmal von Walls geworden sind bei Apparat die Beats. Von samtweichen Percussion-Klängen über knochentrockene Rhythmen bis zu wummernden tiefen Schlägen ist alles vertreten. Interessant ist aber nicht nur ihre Vielfalt, sondern das einende Charakteristikum: als würden sie übereinanderfallen, ins Stolpern geraten und den nächsten Beat gar nicht abwarten können. Rollen ist dafür oftmals der falsche Begriff. Apparat: »Früher waren mir die Beats weniger wichtig. Im Lauf der Jahre sind sie immer weiter nach vorne gerückt. Das liegt wahrscheinlich an meinen Live-Auftritten, auch wenn die Beats auf der Platte nicht gerade tanzbar sind.« Und weiter: »Speziell bei Walls habe ich viele Schlagzeug-Parts aufgenommen und auf alles Mögliche draufgeschlagen und das verwendet. Dabei habe ich dann auch gar nicht groß herumquantisiert oder das ins Raster gebracht. Das klingt deshalb manchmal genauso unrund, wie ich es auch gemacht habe. Für mich hört sich das lebendiger an.« Nicht nur lebendig, auch schwungvoll und bunt. Die Farben- und Konturenvielfalt auf Walls ist so hoch wie auf dem wunderschönen Cover, das von Maria Hinze stammt, die vor einigen Jahren im Rahmen einer Ausstellung einen ganzen Raum zu der Musik Apparats bemalte.

Während Apparat auf Walls zum ersten Mal auch selber zum Mikrofon gegriffen und gesungen hat – stimmlich von einigen bereits mit Radioheads Thom Yorke verglichen –, hat er sich für andere Parts Gäste eingeladen. Neben dem bereits erwähnten Raz Ohara sind das Jörg Wehner, der für zwei Stücke die Drums spielte, sowie Klas Yngborn (Stimme), und die omnipräsenten Streicher stammen von Kathrin Pfänder und Verena Stepf (Complexácord), die Sascha Ring eher zufällig kennen gelernt hat. Und über diesen Zufall ist er sehr froh: »Ich bin sehr dankbar dafür, klassische Musikerinnen getroffen zu haben, die fähig sind, auf Electronica einzugehen und zu improvisieren. Das ist gar nicht so einfach. Und es war auch nicht so einfach, eine gemeinsame Sprache zu finden. Ich bin musikalisch nicht so wahnsinnig gebildet, ich habe es zwar mal gelernt, aber irgendwie auch wieder verdrängt und vergessen. So hat es eine Weile gedauert, bis wir uns unterhalten konnten. Mittlerweile ist es häufig so, dass ich herumspiele, und die beiden spielen das einfach nach. Bei meiner Zusammenarbeit mit Ellen Allien war das etwas anderes. Obwohl … so anders war das auch nicht. Da verläuft fast die gesamte Kommunikation über die Musik. Jeder drückt auf seinen Instrumenten herum, und das wird aufgenommen. Und je besser der Moment ist, desto weniger sprechen wir miteinander. Das ist dann Magie.«

Aktuelle CD:
Apparat: Walls (Shitkatapult / MDM)

Diskografie:
Orchestra of Bubbles (mit Ellen Allien; Bpitch Control 2006)
Duplex (Shitkatapult 2003)
Tttrial And Eror (Shitkatapult 2001)
Multifunktionsebene (Shitkatapult 2001)

Websites:
www.apparat.net
www.shitkatapult.com