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ikueMit ihrem Laptop lässt sie Klänge wie Schmetterlinge im Raum herumflattern – Ikue Mori zählt zu den führenden Köpfen der internationalen Elektronikszene.

 Von Christoph Wagnerikue2ikue Mori

Wie Tanizaki Jun’ichirō in seinem Essay Lob des Schattens deutlich macht, kommt in der japanischen Ästhetik dem Schatten eine besondere Bedeutung zu. In Light of Shadows – Im Licht der Schatten – heißt deshalb wohl nicht zufällig das aktuelle Album der japanischen Elektronikerin Ikue Mori, dessen Titel sie einer Geistergeschichte von Izumi Kyōka entlehnt hat, einem japanischen Autor der fantastischen Literatur. Mori, die seit Jahrzehnten in New York lebt, gilt als eine der eigenständigsten Laptop-Artists der experimentellen Musik. Ihre Referenzliste ist so lang wie stilistisch breit: Mit Arto Lindsay und der Noise-Punk-Gruppe DNA begann in den 70er Jahren ihre Karriere. Danach spielte sie mit den namhaftesten Improvisatoren der New Yorker Downtown-Szene. Eine lange Zusammenarbeit verbindet sie mit Zeena Parkins und dem Ensemble Phantom Orchard sowie mit John Zorn, in dessen Projekte sie regelmäßig involviert ist. Daneben ist Ikue Mori als Grafikdesignerin tätig und hat zahlreiche Cover für John Zorns Label Tzadik entworfen.

Christoph Wagner: Wie entsteht Ihre Musik? Arbeiten Sie nach einer bestimmten Methode?
Ikue Mori: Wie ich die Klänge entwickle und gestalte, hängt vom jeweiligen Projekt ab. Alles geschieht am Computer. Auf meinem aktuellen Album habe ich die Sounds mit einer Software kreiert, die viel von DJs benutzt wird. Ich habe zu Beginn Rhythmen und Melodien entworfen, danach weitere Klänge und Effekte hinzugefügt, sie digital verändert und manipuliert. Am Ende habe ich alles mehrspurig geschichtet und zusammengebaut.
Christoph Wagner: Wann ist ein Stück fertig?
Ikue Mori: Richtig fertig ist es nie! Bei fast jedem Titel gibt es nach der Veröffentlichung einen Aspekt, mit dem ich nicht zufrieden bin und wünschte, ich hätte es anders gemacht. Allerdings muss man ein Stück beenden, bevor man den Fokus verliert. Wichtig für mich ist, dass ich Zeit habe, die Arbeit an einer Komposition für einen gewissen Zeitraum ruhen lassen zu können, um danach mit frischen Ohren weiterzuarbeiten. Nach einer Pause hört man Dinge anders. Entscheidend ist, dass ein Stück einen bestimmten Charakter besitzt und zu leben beginnt.
Christoph Wagner: Sie treten solo, aber auch im Ensemble auf. Worin besteht der Unterschied?
Ikue Mori: Das Solospiel gibt einem mehr Kontrolle über die Musik, aber es macht mehr Spaß, mit anderen zu spielen – vorausgesetzt die Musiker hören aufeinander und reagieren sensibel.
Christoph Wagner: Ist es eine besondere Schwierigkeit, mit einem Laptop zu improvisieren? Üben Sie auf ihrem Instrument wie auf einem Saxofon oder Klavier?
Ikue Mori: Ich habe von Anfang an improvisiert und kenne nichts anderes. Zehn Jahre lang habe ich mit Drum-Maschinen gearbeitet, bevor ich aufs Laptop umstieg. Ich habe mir mein eigenes Instrument im Inneren des Laptops gebaut und trainiere hart, um mit anderen zusammenspielen zu können. Es braucht viel Übung und Erfahrung, ein Laptop so gewandt wie ein herkömmliches Instrument zu bedienen.
Christoph Wagner: Von rhythmusdominierter elektronischer Clubmusik sind ihre Klänge weit entfernt. Welche Rolle spielt der Rhythmus?
Ikue Mori: Im Herzen bin ich immer noch Schlagzeugerin. Allerdings sind heute, um etwas Abstraktes auszudrücken, Klangfarben, Texturen und Geräusche für mich genauso wichtig wie der Rhythmus. Deshalb genügt mir ein einfacher Beat, der nie die Farbe oder die Kontur verändert, nicht.
Christoph Wagner: Die Anfänge der elektronischen Musik reichen weit zurück. Was denken sie über Pioniere wie Morton Subotnick oder Pauline Oliveros?
Ikue Mori: Ich habe allergrößten Respekt vor ihnen. Allerdings profitiere ich heute mehr von der Entwicklung der digitalen Technologie. Auch war es für meine Entwicklung entscheidend, dass ich in New York war, als in der alternativen Musikszene die radikale Improvisation das Hauptmedium des Musikmachens war. Um meine Musik frisch zu halten, suche ich weiterhin die spontane Improvisation sowie die Zusammenarbeit mit Komponisten, woraus ich viel Inspiration und Energie schöpfe.
Christoph Wagner: An welchen Projekten arbeiten Sie im Moment?
Ikue Mori: Ich bin in ein Duoprojekt mit Yoshimi P-We von den Boredoms involviert – Gesang, Trommeln und Electronics. Darüber hinaus arbeite ich an einer Ensembleversion von In Light of Shadows mit einer visuellen Dimension. Mir schwebt eine Art Puppentheater vor. Marionetten haben mich schon immer fasziniert. In Japan habe ich noch welche gebaut. Durch die Arbeit an zwei digitalen Trickfilmen in den letzten Jahren ist bei mir das Bedürfnis erwacht, wieder mit Handgemachtem zu arbeiten. Ich habe erneut Marionetten gebastelt, eine kleine Bühne gebaut, Beleuchtung angebracht und alles gefilmt – und durch diese Kombination der Schatten kam ich auf den Titel des neuen Albums. Meine Puppen sind wandernde Geister in einer dunklen verwunschenen Welt und beziehen sich auf Geschichten von Izumi Kyōka. Mit dem Laptop kreierte ich die Soloversion des Soundtracks. Nun würde ich gerne für das Video eine Ensemble-Version erstellen.
Aktuelle CD:
Ikue Mori: In Light of Shadows (Tzadik)