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Die Weltmusik erfreut sich nun schon um die 25 Jahre lang einer stetigen Präsenz in den Medien und manchmal ja auch in den Charts. Was am Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre (des letzten Jahrhunderts) noch exotisch war, ist heute für viele einfach nur noch normal. Schuld daran sind auch Plattenfirmen wie Jaro in Bremen, die dieser Tage ihr immerhin schon 25-jähriges Betriebsjubiläum feierte.
Von Thorsten Bednarz

»Überrascht haben mich meine beiden größten Erfolge: Thomas Beckmann mit Oh, That Cello und der bulgarische Frauenchor The Bulgarian Voices. Speziell bei den Bulgaren war ich persönlich vom Erfolg überzeugt, aber dass das weltweite Wellen schlagen würde bis hin zu einer Grammy-Nominierung, damit hätte ich nicht gerechnet«, erzählt Labelgründer Uli Balss.

Natürlich nicht, denn angefangen hat alles auf ganz kleiner Flamme und damals träumte er noch davon, irgendwo auf der Welt Urlaub zu machen und im Plattenladen seine Platten zu finden. Damals gab es sogar noch Platten! »Ich habe früher in einem Jugendzentrum als DJ für progressive Musik einmal in der Woche gearbeitet. Als dann die ersten Bands verpflichtet werden sollten, fiel die Wahl auf mich, weil ich ja schon als DJ Bands ›auswählte‹. Schließlich entstand daraus sogar ein eigener Studentenclub, und so bin ich in meiner Freizeit und neben dem Studium zum Sozialarbeiter schon in meinen späteren Beruf gerutscht. Schnell managte ich dann auch Bands, obwohl ich nicht einmal ein Telefon in meiner ersten Wohnung hatte. Alle Kontakte mit den Veranstaltern liefen damals über eine Telefonzelle!«

Und alles auch neben dem Studium, und sogar das einjährige Praktikum hat Uli Balss irgendwie hinter sich gebracht, bis er schließlich sein Diplom in der Tasche hatte und entschied, er wolle versuchen, von seinem Hobby zu leben. Da standen dann auch schon die ersten polnischen und ungarischen Bands in seinem Klub auf der Bühne - und nicht nur in seinem natürlich, denn für ihn ist es nur natürlich, dass auch die Tourneen von ihm und seinem Team gebucht werden. Dass es später zu einem klaren Schwergewicht auf osteuropäische Musik kommen würde, hätte der Fan von Softmachine und den Who auch niemals prophezeit. Doch als er die ersten Angebote über befreundete Musiker bekam, sich auch mal diese oder jene Band anzuhören, fand er die osteuropäische Musikszene bald spannender als den im Westen angesagten Fusionjazz.

Aber nicht nur Osteuropa war musikalisch interessant, sehr früh waren es auch solch musikalische Grenzgänger wie die Finnen von Piirpauke (ihr Album Live in der Balver Höhle wurde gerade neu veröffentlicht) und natürlich Jasper van’t Hof. Ihn brachte Uli Balss dazu, aus dem Studioprojekt Pili Pili eine schlagkräftige und über die Jahre auch äußerst einflussreiche Liveband zu machen. Und - was für andere, spezialisiertere Plattenfirmen ein Unding wäre - Jaro veröffentlichte nicht nur die verschiedenen Inkarnationen von Pili Pili, sondern nahm sich auch der strikten Jazzalben von Jasper van’t Hof an.

Oder, als anderes nahezu exotisches Gegenstück, die bulgarischen Stimmen des Chores, der sich heute Angelite nennt und früher einmal als »das Geheimnis der bulgarischen Stimmen« bezeichnet wurde. Seine Geschichte klingt wie der Vorläufer zum späteren Buena Vista Social Club. »Zuerst hörte ich sie im Radio, kurz danach bekam ich eine Kassette von Sakari Kukko von Piirpauke, der mir dazu sagte, dass sei irgend etwas vom Balkan. Irgendwann hatte ich herausgefunden, dass es sich dabei um den Chor des staatlichen Fernsehens und Rundfunks handelte. Dann versuchte ich über zwei oder drei Jahre lang, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Internet gab es noch nicht, und per Telefon gab es auch kein Durchkommen - und so schrieb ich einen Brief, der ebenfalls unbeantwortet blieb. Erst über Radio Bremen und ihr internationales Austauschprogramm, im Rahmen dessen der Chor nach Bremen und Karlsruhe kam, konnte ich mich dann mit der Managerin verabreden und unsere Zusammenarbeit beschließen. Allerdings meinten viele, denen ich diese Musik vorspielte, ›die bulgarischen Hausfrauen interessieren hier keinen‹.«

Es dauerte aber nicht lange, und bald wurden diese Stimmen regelrecht abgestraft. Die geheimnisvollen Stimmen wurden zu einem weltweiten Geheimtipp, den man kennen musste, wollte man musikalisch mitreden können. Und als der Chor später gar die Popmusik eroberte, in Italien gar in der Zusammenarbeit mit Elio e le storie tese die Charts (in HipHop-Manier!) anführte und auch auf Alben von Kate Bush keine schlechte Figur abgab, da tourten plötzlich die verschiedensten Chöre unter dem geheimnisvollen Namen, was schließlich zur Umbenennung des Originals führte. Aber das Bauchgefühl von Uli Balss hatte Recht behalten. »Es ist schwer zu planen, was erfolgreich werden kann und was nicht. Aber mein Bauchgefühl hat mir einige Erfolge beschert, wie der Erfolg der Bulgaren oder auch die lange Zusammenarbeit mit Jasper van’t Hof. Dieses Bauchgefühl muss aber zur richtigen Zeit sein. Das gleiche galt für Nusrat Fateh Ali Khan. Der hatte zwar in Paris und auf einem der besten WOMAD-Festivals gespielt, kam aber nie kontinuierlich nach Europa. Und sein Erfolg fing als das große Phänomen erst an, als ich die ersten beiden Tourneen für ihn betreute. Und jetzt die Warszaw Village Band. Die sah ich auf einem ihrer ersten Konzerte 1997 in Sopot. Ich fand es toll, war mir aber auch unsicher. Die Vorurteile gegen die Polen waren zu groß damals. Ich habe das immer vor mir hergewälzt, bis ich dann Jahre später sagte, dass ich es jetzt machen muss. Das war dann wieder so ein Bauchgefühl zum richtigen Zeitpunkt ...«

Doch es wird scheinbar immer schwieriger, diesem Bauchgefühl vertrauen zu können. Dem sind, von Seiten der Kulturpolitik, immer stärkere Grenzen gesetzt. »Früher gab es viele Konzerte, die von den Studenten an ihren Universitäten organisiert wurden. Die haben heute kein Geld für Kultur. Auch die Städte selbst haben immer weniger Geld, und was in den Medien läuft, darüber müssen wir nicht reden, das sieht jeder kulturell breit Interessierte ja selbst. Im besten Falle gibt es noch einige kleine Nischen und Nischenprodukte. Um aber interessante Dinge kennen zu lernen, darf ich mich nicht nur mit Musik beschäftigen. Das wird, so glaube ich, auch in den nächsten 25 Jahren für Künstler wichtig werden, zum Beispiel kulturpolitisch Stellung zu beziehen. Unser Bremer Immigrantenorchester setzt genau da schon an.«

Doch auch anderen Herausforderungen muss sich Uli Balss stellen. Schon seit Jahren gehen die Verkäufe von Tonträgern zurück, der iPod läuft dem CD-Player den Rang ab. Downloadportale ersetzen den Plattenladen. Dem kann sich auch eine kleine Firma wie Jaro nicht entziehen. »Wer heute nicht mit einem Computer umgehen kann, der ist wohl auch so wenig an anderer, fremdartiger oder neuer Kultur interessiert, dass ich ihn nicht zu meinem Publikum zählen kann. Im Verhältnis zu den großen Plattenfirmen sind unsere Verluste durch geringere Verkäufe zwar nicht so groß, sie werden aber auch durch Downloads noch lange nicht kompensiert. Ich sehe das aber nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung. Diesem Trend kann man sich nicht entgegenstellen, was natürlich schade ist, weil Musik nicht mehr als Ganzes betrachtet wird. Ich sehe das auch auf meinem eigenen iPod. Da nehme ich auch nicht eine ganze CD von einem Künstler auf, sondern ein oder zwei Stücke. Auf der anderen Seite habe ich aber dadurch ein großes Spektrum irgendwo zwischen Matthäuspassion und Balkan-Brass-Band oder HipHop. Das Letzte, was ich aufgenommen habe, kann ich dir nicht einmal benennen. Das war auf einem Sampler, den ich auf der Womex bekommen habe. Der Musiker wird also unter Umständen dadurch auch anonymer. Aber ich bemühe mich jedenfalls im Kontakt mit meinen Künstlern, diesen Trend nicht einreißen zu lassen. So wird auch jeder Brief, jedes Demoband und jeder Anruf von mir beantwortet. Ich lasse keinen per E-Mail und Anrufbeantworter ins Leere laufen.«

Dieses Problem hat er mit seinem neuesten Projekt, The Shin aus Georgien, aber nicht, denn da besteht rege Nachfrage von Seiten vieler Festivals. So lässt es sich dann hoffentlich auch bald verschmerzen, dass die Bremer Kulturobrigkeit auf die Einladung zur Geburtstagsparty von Jaro, einem der sicherlich wichtigsten Kulturbetriebe der Hansestadt, völlig unkultiviert reagierte und nicht einmal dankend absagte. Aber wie Uli Balss selbst schon sagte - einen übergreifenden Kulturbegriff, der sich nicht auf eine enge Nische oder Sparte begrenzen lässt, den müssen viele von uns erst noch lernen. Offensichtlich auch die Kulturpolitiker in Deutschland.

Website:
www.jaro.de