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Ortstermin (1) - Birdland in Neuburg an der DonauÜberleben in der Provinz: Fährt man von Stuttgart nach Neuburg an der Donau nicht über die Münchner Autobahn, sondern über Land, dann erhält man via Aalen, Nördlingen und Donauwörth schon eine rechte Anmutung von tiefster schwäbischer Provinz. Doch die oberbayerische 30.000-Einwohner-Stadt mit Schloss, Staatsgalerie und einer beeindruckend schönen Renaissance-Altstadt oberhalb des Flusses besitzt mit dem Birdland einen international renommierten Jazzclub, in dem pro Jahr zwischen 50 und 60 Konzerte über die Bühne gehen, aus gutem Grund stets am Wochenende. Freddie Hubbard, Brad Mehldau, Gerry Mulligan, Charlie Haden, Oregon, Kenny Wheeler, Ron Carter, die Jimmy Guiffre 3 und Ahmad Jamal haben hier schon gespielt. Von Ulrich KriestOrtstermin (1) - Birdland in Neuburg an der Donau

Seit Februar 1991 residiert der Club stilvoll in weiß gekalktem Gewölbe unter der ehemaligen Hofapotheke direkt am Karlsplatz; das Eröffnungskonzert bestritt seinerzeit Dusko Gojkovich. Doch der Gemeinnützige Verein zur Förderung und Pflege der Jazzmusik, dem Manfred Rehm seit 1985 vorsitzt, ist bedeutend älter: Er besteht seit 1958. Nicht ohne Stolz präsentiert Rehm seinen Mitgliedsausweis aus dem Gründungsjahr des Vereins. Er war damals 17 Jahre alt, im Ausweis steht der Vermerk »Schüler«.

Der Eindruck, sich in Neuburg an der Donau »right in the middle of nowhere« zu befinden, ist für Rehm eine Frage der Perspektive. Augsburg, Nürnberg, München, Ulm, Regensburg sind ca. 100 km entfernt, mit Ingolstadt und Eichstätt gibt es zwei Universitätsstädte in der näheren Umgebung. Neuburg allein würde einen Club wie das Birdland nicht füllen, obwohl Rehm sich der finanziellen Förderung seitens der Stadt, des Landkreises und zahlreicher privater Spender sicher sein kann. Heute verfügt der Club über einen Jahresetat von ca. 100.000 Euro. »Über die Jahre«, erklärt Rehm lakonisch, »haben wir die Finanzierungsprobleme einigermaßen in den Griff bekommen.«

Zwischen Wien und Hamburg

Man kann also sagen, dass das Birdland nicht in der Provinz liegt, da es über ein besonders großes Einzugsgebiet verfügt. Eine nicht-repräsentative Umfrage im jazz-affinen Stuttgarter Bekanntenkreis ergibt, dass der Internet-Auftritt des Clubs regelmäßig konsultiert wird, wie auch Fahrten von Stuttgart oder Tübingen ins Oberbayerische durchaus nicht ungewöhnlich sind.

Das Birdland verfügt über ein zuverlässiges Publikum, die Konzerte sind fast immer ausverkauft. Programmatisch werden hier möglichst viele Facetten des Jazz abgebildet, allerdings werden vorzugsweise internationale Spitzenmusiker der Genres verpflichtet. Im Februar 2010 gastieren beispielsweise das Joe Kienemann Swing Trio, Ulf Wakenius & AMC Trio und das Charles Gayle Trio mit Sunny Murray und Juini Booth, im Januar spielten u.a. das Eli Degibri Quartet und das Marc Ducret Trio. Gerade weil das Stammpublikum zum Teil weite Anfahrtswege in Kauf nimmt, sind die meisten Konzerte im Vorfeld bereits ausverkauft. Das hat interessante Auswirkungen auf die Atmosphäre im Club: Vor dem Konzert herrscht eine sehr erwartungsvolle Spannung, während des Konzerts eine große Aufmerksamkeit – und schon eine halbe Stunde nach dem Konzert ist der Club so gut wie leer. Versacken muss man woanders. Zur Information und Platzreservierung ist der sehr professionelle Internetauftritt des Clubs von großer Bedeutung. Schwierigkeiten mit der Auslastung, so Rehm, gebe es nur, wenn man auf deutsche Musiker setze, zumal, wenn sie aus München kämen, weil dann das Münchener Publikum ausbleibe.

Im Birdland gibt es erklärtermaßen Mainstream und Modern Jazz zu hören. Das Programm zielt auf eine gute Durchmischung der Stile; man will die Fans unterschiedlichster Stilrichtungen abholen und setzt dabei konsequent auf Qualität. Der hergerichtete Gewölbekeller ist ein Schmuckstück mit Fußbodenheizung, Bar und einer vorzüglichen Akustik. 1991 konnte sogar ein »Bösendorfer«-Flügel angeschafft werden. Mit diesem Instrument im Rücken – Oscar Peterson war persönlich an der Vorauswahl des Instruments beteiligt – konnte die Veranstaltungsreihe The Art of Piano zu einem echten Highlight werden. An die 120 Konzerte fanden bislang unter diesem Signum statt, von denen einige auf dem clubeigenen Label Live At Birdland veröffentlicht wurden.

Manfred Rehm weiß dabei die Vorteile des kleinen, aber feinen Clubs zu schätzen: »Mit dieser Kapazität können wir uns den Luxus leisten, nur die Künstler einzuladen, die wir wirklich wollen.« In seinem Büro stapeln sich CDs von Musikern, die sich für einen Auftritt im Birdland beworben haben; vielen, stöhnt Rehm, müsse er ohnehin absagen, weil die Zahl der Konzerte begrenzt sei. Überhaupt strahlt Manfred Rehm im Gespräch die pragmatische Gelassenheit eines Profis aus, der sein ehrenamtliches Geschäft von der Pike auf gelernt hat: »Unser finanzielles Budget ist begrenzt, das muss die Programmpolitik abbilden. Sprich: Ich schaue mir die Tourpläne der Künstler genau an, und wenn zwischen zwei Konzerten in Wien und Hamburg oder Berlin ein freier Tag ist, frage ich die Agentur an. Wenn man von sich aus einen Künstler anfragt, wird es gleich viel teurer. Manche Agenturen, mit denen wir seit vielen, vielen Jahren sehr gut zusammenarbeiten, kennen unsere finanzielle Situation und kommen mit entsprechenden Angeboten auf uns zu. Dieses gegenseitige Vertrauensverhältnis ist sehr wichtig, dann werden Vereinbarungen einfach am Telefon oder per Mail beschlossen und es braucht keine Verträge.«

Der Mann aus der Südsee

Jazzmagazine nutzt Rehm zur Information, findet sie aber auch wichtig, weil hier junge Bands vorgestellt werden und so dem Jazz ein neues Publikum geschaffen werden kann. Allerdings, meint er, würde auch manches künstlich aufgeblasen, um Anzeigenkunden zu bedienen. Er wünsche sich mehr und regelmäßigere Konzertbesprechungen, »die für uns Veranstalter sehr wichtig sind«, und kritisiert die Ausrichtung der Jazzmagazine hierzulande auf die Industrie und nicht auf die Veranstalter, weil die Jazzkultur etwas mit dem Alltagsgeschäft zu tun habe. Überhaupt hält Rehm den Jazz als globale Kultur für »die legitimste Kulturform unserer Zeit«, wenngleich der Diskurs über Musik mit dem Stammpublikum eher selten ist.

Die Erfolgsgeschichte des Birdland, die eng mit dem Namen Manfred Rehm verbunden ist, färbt auch auf die Region ab. Hat eine Band im Club gespielt, organisiert Rehm manchmal noch eine Matinee-Veranstaltung am kommenden Morgen in einer der Nachbargemeinden wie Nördlingen. Und beim Audi-Forum im 20 km entfernten Ingolstadt organisiert Rehm auch noch 40 Konzerte pro Jahr. Dort war auch einmal ein Fahrzeugimporteur aus dem fernen Mauritius zu Gast, der dann das Birdland besuchte und von der dort herrschenden Atmosphäre so begeistert war, dass er sich sagte, solche Veranstaltungen müsse es in seiner Heimat auch geben. Nun ist Manfred Rehm (auch) damit beschäftigt, eine Konzertreihe auf Mauritius zu institutionalisieren.

Nicht übel: Von Neuburg an der Donau wirkt Live-Jazz jetzt bis in den südlichen Indischen Ozean.


Website:
www.birdland.de