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mps1Dass die Hamburger Firma Edel den kompletten MPS-Katalog gekauft hat, rauschte vor kurzem – begleitet von einem ehrfürchtigen Raunen – durch den Blätterwald. Zu legendär ist der Ruf des Labels aus dem Schwarzwald.

 Von Rolf Thomasmps2Hans-Georg Brunner-Schwer: Saba Erbe und begnadeter Tonmeister

Die Firma des SABA-Erben Hans-Georg Brunner-Schwer wirkte in den sechziger und siebziger Jahren aus dem beschaulichen Villingen-Schwenningen. Die drei Buchstaben MPS, die schlicht für „Musikproduktion Schwarzwald“ stehen, von vielen aber auch gerne als „Most Perfect Sound“ übersetzt werden, haben Maßstäbe gesetzt. Dabei wollte Brunner-Schwer zu Beginn eigentlich nur Tonträger herstellen, um den Hardware-Verkauf anzukurbeln. Spätestens, nachdem er aber in seiner heimischen Villa den kanadischen Piano-Giganten Oscar Peterson audiophil aufgezeichnet hatte, war es um ihn geschehen. Wie in einem Schaffensrausch veröffentlichte Brunner-Schwer in der Folge, später unterstützt von „Jazzpapst“ Joachim-Ernst Berendt, Aufnahme um Aufnahme, die meisten davon waren auch noch exzellent.

Was macht man aber nun mit einem solchen Katalog, der aus über 500 Langspielplatten besteht? Edel hat beschlossen, vielgleisig zu verfahren. Einzelne, legendäre Alben werden als Vinyl-LP wiederveröffentlicht – hier hat die Oscar-Peterson-Box (siehe JAZZTHETIK 7-8/14) den Anfang gemacht. Alle Aufnahmen sollen online zugänglich gemacht werden. Und in Kooperation mit dem KulturSPIEGEL erscheinen nun auch 25 MPS-Alben auf CD, die wir hier im Einzelnen vorstellen wollen. Wohl jeder MPS-Freund, den man um diese Aufgabe bitten würde, hätte vermutlich eine andere Liste zusammengestellt – Edel hat die Qual der Wahl nun so hinter sich gebracht: Vom Hamburger Pianisten Michael Naura erscheint Call, die 1970 im Quartett mit Wolfgang Schlüter, Eberhard Weber und Joe Nay eingespielt wurde. Rob McConnell and the Boss Brass war eine Big Band, deren Present Perfect von 1980 bereits zu den MPS-Spätwerken zählte. Dass auch Sun Ra And His Intergalactic Research Orchestra einst eine Heimstatt im Schwarzwald gefunden hatten, ist heute nur noch Eingeweihten bekannt – die Live-Aufnahme It‘s After the End of the World von 1970 ist der Beleg. Dieter Reith dagegen hat zahlreiche Platten für MPS aufgenommen, Knock Out war eine davon. Zu den Klassikern des Katalogs zählen Intercontinental von Joe Pass, Violinspiration von Stéphane Grappelli und Have You Met This Jones? von Hank Jones – schön, dass sie dabei sind.

Jahre vor seinem spektakulären Comeback spielte Joe Henderson mit Chick Corea, Ron Carter und Billy Higgins im Januar 1980 Mirrormirror ein. Roland Kovac, Big-Band-Leader aus Wien, hat mit Trip To the Mars 1968 eine der MPS-Platten eingespielt, die zur Legende wurden. Das gilt auch für Free Jazz Goes Underground von Free Orbit, wo unter anderem Udo Lindenberg und Peter Herbolzheimer mitwirkten. Berühmte internationale Produktionen waren In Search of a Dream von Alphonse Mouzon, It‘s Nice To Be With You von Jim Hall und Light, Airy And Swinging von George Shearing. Friedrich Gulda entdeckte den Jazz zum Beispiel mit Donau So Blue, und Johnny Teupen jazzte auf Harpadelic auf der Harfe. Nach Jazzanova von Ira Kris benannte sich später ein Nu-Jazz-Kollektiv, Pedro Iturralde etablierte den Flamenco Jazz. Die US-Legenden Count Basie und Lionel Hampton zeigten auf Basic Basie und Alive And Jumping, dass mit ihnen weiterhin zu rechnen war. Volker Kriegel enterte sein House Boat, Billy Taylor besänftigte die Sleeping Bee und die Elvin Jones Jazz Machine forderte Remembrance. Eine der ganz besonderen Entdeckungen war die Vocal Group Singers Unlimited, ihr Zusammentreffen mit dem Akkordeonspieler Art van Damme auf Invitation ist von besonderer Delikatesse. Und aus der Riesenauswahl an Monty-Alexander-Platten hat Edel sich für Rass! entschieden. Last but not least: Aus New York stammte das Patrick Williams Orchestra, und genau dort wurde Come on And Shine 1977 auch aufgenommen.

Viele dieser Platten sind noch nie auf CD erschienen, und nicht nur aus diesem Grund ist die MPS/KulturSPIEGEL-Koproduktion von Edel ein Grund zum Feiern. Hoffentlich wird der mythenumrankte Katalog des Labels jetzt seinen angemessenen Platz auf einem Tonträgermarkt, der rasant downhill gleitet, finden – verdient haben die Alben es allemal. Und zwar nicht nur für nerdige Sammler, für die jetzt sowieso ein Freudenfest angebrochen ist, sondern auch und gerade für Leute, die die Platten gar nicht (mehr) kennen!