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 greenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

 
Echoes of Swing
Dancing
ACT / edelkultur
****(*)
Man könnte sie als Museumswärter missverstehen, wenn Echoes of Swing mit ihren Fundstücken aus der frühen Moderne des Jazz nicht so vital und originell umgehen würden. Erste Voraussetzung dafür ist schon die einmalige Besetzung des Quartetts, denn die beiden Bläser Colin T. Dawson (Trompete) und Chris Hopkins (Altsaxofon), der Pianist Bernd Lhotzky und Schlagzeuger Oliver Mewes spielen ohne Bass. Und auch ihr neues Album ist wieder ein Meisterstreich, der zudem ein mehr als dezenter Hinweis darauf ist, dass der frühe Jazz vor allem Tanzmusik war. Das belegen die vier Musiker mit Songs wie Arthur Johnstons „All You Want To Do Is Dance“ (in welchem Dawson sich wieder mal als begabter Sänger erweist), Sidney Bechets „Premier Bal“ (dem sie natürlich einen gewitzten Neuanstrich verpassen ) oder Scott Joplins „Ragtime Dance“ (bei dem Mewes sich als scheppernder Minimalist zeigt). Es schleichen sich aber auch mehr und mehr eigene Kompositionen in das Repertoire der Echoes of Swing, das charmant-elegische „Ballet of the Dunes“ oder der muntere Auftaktsong „Hipsters Hop“ – beide aus der Feder von Chris Hopkins – sind Beispiele, die sich makellos ins Geschehen einfügen. Wenn „Carioca“, das durch einen Fred-Astaire-Film weltberühmt wurde, ganz unaufdringlich, aber furios, gleich drei neue Stilebenen eingezogen werden; oder wenn Glenn Millers „Moonlight Serenade“ – einem Stück, das viele zeitgenössische Jazzmusiker nicht mit der Kneifzange anfassen würde – seine Würde zurückgegeben wird: Dann zeigt sich die ganze Klasse der Echoes of Swing.
Rolf Thomas



Irène Schweizer / Han Bennink
Welcome Back
Intakt / Harmonia Mundi
*****
Beide sind sie fast ein Alter und marschieren demnächst auf die Fünfundsiebzig zu. Aber wie im Fall solcher ähnlich gleichaltrigen Gesinnungsgenossen wie Brötzmann und Schlippenbach sind Irène Schweizer und Han Bennink noch Galaxien davon entfernt, handzahm zu werden und sich damit im Mainstream zu verdingen. Und so sprudelt es bei diesen beiden Junggebliebenen auch bei dem tatsächlich erst zweiten Duo-Album nur so aus ihnen heraus. Da lassen Schweizer und Bennink Wucht, Spielfreude, Raffinement, Experimentierlust und Impulsivität derart von der Leine, dass es nur so eine atemberaubende Freude ist. Und selbstverständlich präsentiert man zwischendurch immer wieder auch eine feinste, nicht nur querköpfige Überdosis an Traditionsbewusstsein.
Wenn sich die Pianistin Schweizer und der Schlagwerker Bennink auch nicht allzu oft im Studio begegnet sind, sind sie doch zumindest live in den unterschiedlichsten Projekten etwa von Manfred Schoof und George Lewis mehr als nur zusammengewachsen. So wird Irène Schweizer im Booklet mit dem schönen wie bekenntnisreichen Satz zitiert: „Han und ich sind Soul-Brother und Soul-Sister, wir teilen den Geschmack und das rhythmische Gefühl des Jazz.“ Und wie blind sich beide verstehen und zugleich mit offenem Visier durch die Welt auch des Rags flanieren, Thelonious Monk mit „Eronel“ einen Gruß zuwerfen und an den südafrikanischen Drummer Johnny Dyani mit einer wunderschön eleganten Fassung seines Songs „Ntyilo, Ntyilo“ erinnern, beweist einfach nur, dass großer Jazz nie eine Frage des Alters sein wird.
Guido Fischer


TaxiWars

TaxiWars
Universal
*****
Nach alter Jazzer-Sitte hätte die Band wohl Tom Barman Quartet heißen müssen. 2015 trägt sie aber den Namen TaxiWars – und symbolisiert wie kaum eine andere den radikalen Wandel dieser zunehmend von akademischer Erstarrung und Sicherheitsdenken geprägten Musikgattung. Die belgische Combo um den Rocksänger Tom Barman, der seit 1989 mit der Indie-Rockband dEUS wider jeden Erwartungsstachel löckt, den Saxofonisten Robin Verheyen, den Bassisten Nicolas Thys und den Drummer Antoine Pierre liefert auf ihrer bemerkenswerten Debüt-CD zweifelsfrei Jazz. Aber einen ohne Trennlinien und Schamgrenzen. Die vier kennen die Tradition in- und auswendig, pflegen ihre speziellen Vorlieben für treibende, ekstatische Rhythmen, mit denen einst Pharoah Sanders, Archie Shepp, Art Blakey, Max Roach und Charles Mingus jeden Vulkan zum Ausbruch brachten. Allerdings lieben sie auch Morphine, Prince, Rap und Elektro, klingen in ihren kurzen Stücken scharf, pointiert, punky und trashy, umgehen jeden zuckersüßen Wohlklang wie der Teufel das Kreuz. Nicht umsonst klingt die CD, als hätten Barman und Co. sie in einem New Yorker Taxi mitten im Feierabendverkehr aufgenommen. Es herrscht Krieg. Die Titel stehen für Aggressivität und Angriffslust: „Death Ride Through the Wet Snow“, „Letʼs Get Killed“, „Your Soul Or Mine“. Mit jedem Ton kann man kann die Angst spüren, mit dem rasenden Taxi in die nächste Leitplanke zu schliddern. Und das Bemühen von TaxiWars, einen vitalen Kontrapunkt zum schlappen Gebrauchsjazz der Gegenwart zu setzen. Musik wie ein 3D-Film: erregend, cool und unverschämt gut!
Reinhard Köchl