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jeden Monat werden in der JAZZTHETIK die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch monatliche Kolumnen zu speziellen Themen. Hier einige Besprechungen zum Probelesen aus der aktuellen Ausgabe. Steve Lacy–Roswell Rudd Quartetspuren.gif
Early And Late
Steve Lacy: ss / Roswell. Rudd: tb / Jean Jaques Avenel, Bob Cunningham: b / John Betsch, Dennis Charles: dr
CD1: The Rent / The Bath / The Hoot / Blinks / Light Blue / Bookioni
Spieldauer: 67:16
CD2: Bamako / Twelve Bars / Eronel – take 2 / Tune 2 / Think of One / Eronel – take 3
Spieldauer: 70:58
Aufnahmen: 1999, Bimhuis, Amsterdam, Mat Bevel Institute, Tucson/Arizona; 2002, Iridium, NYC / 1962, Studio, NYC
Cuneiform / Fenn
****(*)
Wieder was gelernt. Das hochgeschätzte britische Magazin THE WIRE verdankt seinen Namen dem gleichnamigen Stück von Steve Lacy, und das in bewusstem Bezug auf die Leistungen des Komponisten: »Von seiner Position im Zentrum der Evolution des Jazz aus hat Lacy stets zurück in die Vergangenheit und voraus in die Zukunft geschaut«, begründet der damalige Redakteur Anthony Wood dieses ideelle Patenschaftsverhältnis, und die vorliegende Doppel-CD unterstreicht diesen Anspruch, indem sie eine musikalische Partnerschaft Revue passieren lässt, die fast ein halbes Jahrhundert andauerte: Steve Lacy und Roswell Rudd trafen einander bereits als Studenten in Yale. Das erste gemeinsame Quartett formierten sie Anfang der Sechziger in NYC, mit einer wechselnden Reihe von (30!) Bassisten und Dennis Charles am Schlagzeug. Ihre Leistung bestand rückblickend in der sukzessiven Erweiterung der Einsatz- und Spielweisen ihrer Instrumente: Lacys Sopran-Saxofon, das er quasi im Alleingang aus der Dixie-Ära ins Zeitalter des experimentellen und freien Post-Bop-Spiels katapultierte. Und Rudds Posaune, schwerfällig und ebenfalls in Traditionen verstrickt, die sich eben unter den Händen der kleinen New Yorker Avantgarde aufzulösen begann. Genau aus diesem Grund begannen Lacy und Rudd, das Prinzip des »Standards« auf die unmittelbare Gegenwart zu erweitern und sich sukzessive mit den Kompositionen Cecil Taylors und Thelonious Monks auseinanderzusetzen. Stück für Stück wurden die Themen analysiert, arrangiert und als zeitgenössische Klassiker im eigenen Repertoire kanonisiert. Was als Fingerübung begann, wurde zur Pionierleistung auf dem Gebiet der Repertoire-Bands. Eine Zeitlang spielte Steve Lacy exklusiv Monk. Einziges Tondokument dieser gemeinsamen Zeit war bisher die (Jahre später veröffentlichte) LP School Days. Nun finden sich auf dieser CD vier unveröffentlichte Demotakes – zwei aus der Feder von Monk, einer von Cecil Taylor. Rudds und Lacys Ansatz erscheint rückblickend ebenso progressiv (indem sie die Themen von der Überfigur ihrer als Exzentriker bekannten Urheber trennten und ihnen einen eigenständigen, übergreifenden Status einräumten) wie traditionell: Charles und Bassist Cuningham liefern durchgehenden Swing, der harmonische Rahmen wird noch ausgestaltet, nie aufgebrochen – Lacy und Rudd finden, da sie ohne die Stützkraft eines Pianos auskamen, zu Kombinationen, die Monks auf den Kopf gestelltes Harmoniedenken auf zwei parallele Linien reduzieren und dennoch in aller Klarheit aufscheinen lassen. In der Reihe der Aufnahmen, die nach der fast vierzig Jahre später stattfindenden Reunion entstanden (aus der unter anderem Monk’s Dream hervorging), kommt Monk nur noch ein Mal vor, es überwiegen Kompositionen von Lacy. Abermals verbindet die Band kompromisslose Modernität mit tiefem Respekt vor der Tradition: Die tonalen Zentren verschieben sich, aber sie bleiben verbindliche Ruhepunkte in den jeweils fast viertelstündigen Takes, bei denen die Erfahrung des Freejazz mit den kontrapunktischen Effekten der Dixieland-Kollektivimprovisationen in Dialog treten. Höhepunkt ist Roswell Rudds afro-latin-basiertes »Bamako«, mit einem heftig groovenden Bass-Ostinato als Basis, einer thematischen Verneigung nach Mali und einem großartig reduzierten Schlagzeugsolo von Betsch. Bei allen Schroffheiten verbindet die neueren Aufnahmen ein tranquiler, ruhiger Puls – Zeit scheint keine Rolle zu spielen, jeder Musiker findet im Gewebe der Partner reichlich Raum und nutzt diesen dankbar mit der größten ökonomischen Klarheit. Als Resultat sind alle Stücke ebenso fordernde wie geradezu beruhigende Erfahrungen in jazzhistorischer »Consciousness«.
Eric Mandel

Yerba Buena
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Andres Levin: g, keyb, org, tres, casio, voc / Peret: a-g / Sebastian Steinberg: b / Ron Blake: sax / Andy Gonzales: baby bass / Dave Valentin: fl / Skoota Warner: dr / Marc Rojas: tuba / Mark Ribot: g / Money Mark: p, keyb / David Fiuczynski: e-g / Brian Lynch: tp / Conrad Herwig: tb / Rashawn Ross: tp / Horacio Hernandez: dr, voc / Pamelia Kurstin: theremin / Pedro Martinez: perc., voc / Carlinhos Brown: timbales, voc / Cucu Diamantes, Xiomara Laugart, Don D, El Chino, Joe Bataan, Orishas, Les Nubians: voc / George W. Bush: himself
15 Tracks
Produzent: Andres Levin
Spieldauer: 74:17
Fun Machine / Wrasse / Harmonia Mundi
****
Nina Miranda & Chris Franck
pres. Zeep
Ch. Franck: g, clave, perc, b-voc / N. Miranda: l-voc / Mauro Berman, Davide Mantovani: b / Davide Giovannini: dr, b-voc / Tristan Banks: dr / Dave Pattman: perc / Marcelo Jeneci: fender rhodes, wurlitzer, keyb / Marcalzinho: perc, b-voc / Ze Luis: fl / Momadou Sarr: djembe / George Papageorge: hammond B3 / Mike McGinnis: cl / Marcio Vanderlei: banjo / Thea Economides, Kenny Lynch, Rodrigo Amarante, James Stewart, Yuko Kurosawa: spoken word
13 Tracks
Aufnahme: Brasilien, London
Produzent: Chris Franck
Spieldauer: 42:05
Far Out / Rough Trade
***(*)
Yerba Bueno ist die Bezeichnung für die Hemingway-Minze (Mentha Nemorosa), die in Kuba angepflanzt wird und unentbehrlich für die Herstellung des Nationalgetränks Mojito ist. Aber die Latinos verstehen darunter auch das »gute Kraut« Marihuana. Also kein schlechter Name für eine Band, die mit ihrem Mix aus lateinamerikanischen und urbanen Stilen, von Cumbia, Cha Cha Cha und Son bis Afrobeat, Funk, Ragga und House extrem temperamentvolle Musik zelebriert. Geleitet wird sie von dem in New York lebenden Venezuelaner Andres Levin, der als Songschreiber und Produzent für so unterschiedliche Künstler wie D’Angelo, David Byrne, Macy Gray, Orishas, Carlinhos Brown, Lenine, Los Amigos Invisibles, Arto Lindsay, Chaka Khan, Caetano Veloso, Marisa Monte, Tina Turner, B-52’s und Diana Ross arbeitete und die Soundtracks zu El Cantante (Jennifer Lopez) und Borderland schrieb. Erstmals erregte seine Band Yerba Bueno weltweit Aufsehen, als ihr Song »Guajira (I Love U 2 Much)« über den Film Dirty Dancing: Havana Nights zum Tanzhit des Jahres 2004 wurde. Der eröffnet auch diese Compilation, zusammengestellt aus den beiden nicht offiziell in Deutschland veröffentlichten Alben Island Life und President Alien. Da tummeln sich dann mit der Hauptbesetzung erstklassige New Yorker Studiomusiker und Stars wie Orishas, Carlinhos Brown oder Marc Ribot. Beste Stimmung ist bei dieser wundervollen Puzzle-Musik garantiert und exzessives Tanzen beim Eintauchen in diese fortwährend pulsierende Party unausweichlich. Und der Spaß ist perfekt, wenn George W. Bush in der Satire »Bla Bla Bla« sein Fett abbekommt. Das CD-Cover ist übrigens auch recht nett: eine schöne Latina im knappen Bikini und mit Kopfhörern führt einen mit zwei Plattenspielern beladenen Esel durch Downtown New York.
Wer die brasilianisch beeinflusste Musik von Smoke City und Da Lata mag, der sollte sich auch Zeep anhören, das neue Projekt von Nina und Chris, ehemals Mitglieder der genannten Bands. Mit denen kam in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre das heute immer noch leicht grassierende Fieber Brazilectro auf. Doch die in London lebenden Smoke City waren anders, hier agierten reale Musiker an den Instrumenten und die Computer dominierten nicht den Sound. Vielleicht wurde auch darum ihr Stück »Underwater Love« so eine beachtliche Hitsingle. Mit Zeep geht das Duo noch einen großen Schritt weiter, emanzipiert sich. Es gibt noch mehr Instrumentalisten, noch mehr elegant federnde akustische - und keine programmierten - Sambabeats, aber auch neue Einflüsse wie liebliche Kinderlieder, stampfenden Rock oder brasilianischen Folk. Und über allem thront die umwerfend geschmeidige Stimme von Nina Miranda. Mit dieser harmonischen Kombination gelingt ihnen eine berückend organische, unbeschwerte Songwriter-Musik, die derart selbstverständlich klingt, als wäre sie erst im Moment des Spielens geboren. Zeep lieben die Musik Brasiliens wirklich!
Olaf Maikopf

DVD
Ich will alles - Die Gitte Haenning Story
Ein Film von Marc Boettcher
Spieldauer: 120:00
ARD Video / Edel Contraire
****(*)
Anlässlich ihres 60. Geburtstags hat der Regisseur Marc Boettcher eine zwei Stunden lange Dokumentation über Gitte Haenning für den NDR gedreht. Boettcher, der Ähnliches auch schon über Alexandra und Bert Kaempfert gedreht hat, weiß, wie man so was macht: Er hat jede Menge Zeitzeugen aufgetan (unter anderem Wencke Myhre, Peter Kraus und Udo Lindenberg) und verwendet natürlich ausgiebig ARD-Fernsehmaterial und Gitte-Interviews. Das Ergebnis ist unglaublich dicht und spannend. Gitte, die schon als Kind zum Teenager-Idol in ihrer Heimat Dänemark avancierte, wurde 1963 mit »Ich will ’nen Cowboy als Mann« zum deutschen Superstar und bildete mit Rex Gildo das Traumpaar des deutschen Schlagers. Parallel dazu hat sie aber auch immer ihre eigenen musikalischen Interessen, hauptsächlich Jazz, verfolgt und unter anderem ein legendäres Album mit der Kenny-Clarke/Francy-Boland-Big-Band aufgenommen. Nach einem Karrieretief und einer gescheiterten Ehe mit ihrem Manager steigt sie mit Emanzenschlagern wie »Freu Dich bloß nicht zu früh« in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre buchstäblich wie Phoenix aus der Asche. Seitdem kann sie eigentlich machen, was sie will - und zieht beispielsweise seit Jahren mit den Kolleginnen Wencke Myhre und Siw Malmquist durch ausverkaufte Häuser. Da erstaunt doch im Laufe des Films, was für ein unsicherer Mensch sie ist. Ihr Vater - mit dem sie sich kurz vor dessen Tod auf der Bühne ausgesöhnt hat - hat sie zur Karriere mehr oder weniger gezwungen; Lust, auf der Bühne zu stehen und zu singen, hatte sie nicht. Ihr Männerverschleiß ist branchenbekannt, und dass sie aufziehende imaginäre Erkältungen gerne mal mit Rotwein bekämpft, auch. Und doch ist sie eine Künstlerin, die Einzigartiges geleistet hat - vielleicht braucht sie nur jemanden, der ihr das einmal sagt.
Schon in den fünfziger Jahren hat sie in Dänemark im zarten Alter von 13 Jahren phänomenale Jazzaufnahmen gemacht, und auch ihre Verdienste um einen halbwegs intelligenten Schlager sollte man nicht gering schätzen. Die vollen fünf Sterne bekommt die DVD nur deshalb nicht, weil die Bert-Kaempfert-Doku von Marc Boettcher noch besser ist (Kaempfert war übrigens auch so einer, der wenig von sich gehalten hat, dabei war er ein Gigant mit einem unkaputtbaren Sound).
Rolf Thomas