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J03 greenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

Peter Schärli Trio feat. Glenn Ferris
Purge
Yellowbird / Soulfood
****
Kann Jazz erfrischend und unkonventionell sein und gleichzeitig auch dem Gelegenheitshörer gefallen? Für den inzwischen 60-jährigen Schweizer Trompeter Peter Schärli kein Problem. Seit über drei Jahrzehnten setzt er sich genüsslich zwischen die Schubladen Avantgarde und Tradition. Er fing als Amateur noch in einer Blues-Band an. Dann folgte eine abenteuerliche Karriere, die ihn mit so unterschiedlichen Musikerinnen und Musikern wie der Sängerin Gabriele Hasler, der Schlagzeugerin Béatrice Graf und dem Posaunisten Paul Rutherford zusammenbrachte. Gleichzeitig wirkt er häufig beim Zirkustheater Federlos mit und musizierte sogar schon mit Hazy „Kriminal Tango“ Osterwald. Die Musik auf Purge swingt, ohne Swing zu sein. Allein die Besetzung ist originell: Trompete, Posaune, Piano und Kontrabass – kein Schlagzeug. Der Klangeindruck lässt sich am ehesten als feinfühliger Kammerjazz beschreiben. Schärlis kongenialer Partner ist der Posaunist Glenn Ferris. Mal ergänzen sich die beiden im harmonischen Zweiklang, dann wiederum setzen sie jeweils solistische Akzente. Beide bevorzugen dabei einen für Blechbläser ungewöhnlich samtweichen Sound. Kompositorisch bestechen vor allem die Balladen: „Lavadeiras“ und „Obrigado Meu Amour“, das von dem sensiblen Piano-Intro Hans Peter Pfammatters eingeleitet wird. Die Stärke des Quartetts zeigt sich in solchen gefühlvollen Stimmungsbildern, bei denen die Räume zwischen den Noten genauso wichtig sind wie die Musik selbst. Mit konventionelleren Themen wie „Near Nine Blues“ weiß die Formation auch umzugehen, doch überzeugen sie eher mit den ruhigeren Stücken.
Andreas Schneider



Dave Liebman & Richie Beirach
Balladscapes
Intuition / In-Akustik
****
Bachs „Siciliana“? Das war nicht unbedingt als Opener der neuen CD des Duos von Saxofonist David Liebman und Pianist Richie Beirach zu erwarten. Der barocke Klassiker wird behutsam bearbeitet, die Version ist absolut überzeugend. Saxofon und Klavier schweifen langsam vom Thema ab, um ganz natürlich und nicht mit der Brechstange wieder zur ursprünglichen Melodie zurückzufinden. Liebman und Beirach, die Meister der Balladen, finden immer wieder Stücke, denen sie neue Nuancen abgewinnen können. Das Zusammenspiel der beiden ist einfach traumhaft. Beide sind Meister des Klanges, haben schon lange ihre ganz eigenen Stimmen an ihren Instrumenten. Ihre lange Erfahrung zeigt sich allerdings vor allem im nicht Gespielten, wenn Pausen atmen, beide Musiker den Moment zu dehnen scheinen, gemeinsam einatmen und wieder Fahrt aufnehmen. Beide verbindet eine lange Geschichte, bald 50 Jahre spielen sie zusammen – begonnen zu einer Zeit, als die Beatles ihr letztes Konzert spielten und Lyndon B. Johnson noch Präsident der USA war. Gibt es für Musiker auch so etwas wie eine Goldene Hochzeit? Die beiden Musiker trafen sich in New York, um sich musikalisch auszuprobieren. Erst meist in freieren Formen, wie John Coltrane sie vorlebte, doch auch das Great American Songbook war immer Teil der Entdeckungsreise. Heute, 50 Jahre später, haben die beiden ihr erstes reines Balladenalbum aufgenommen. Zu Bachs „Siciliana“ gesellen sich Wayne Shorters „Sweet Pea“, Jobims „Zingaro“ oder Weills „This Is New“. Highlights der CD sind die beiden Jazzstandards „Moonlight in Vermont“ und „Day Dream“ von Billy Strayhorn und Duke Ellington. David Liebman nennt Richie Beirach seinen Anker, mehr als ein Bassist oder Schlagzeuger verkörpere er die perfekte Time. Auch nach so langer Zeit hat man das Gefühl, dass das alte „Musiker-Ehepaar“ immer noch viel zu sagen hat.
Angela Ballhorn


Tobias Becker Bigband
Atomic B.
Neuklang / Edel:Kultur
****(*)
Für Life Stream, das Debütalbum seiner formidablen Bigband, heimste der an der Stuttgarter Musikhochschule ausgebildete Pianist, Komponist und Bandleader gleich mal einen der Preise der Deutschen Schallplattenkritik ein. Mit dem Wagnis eines live eingespielten Studioalbums unterstrich der junge Traditional-Jazz-Fan nicht nur seine Ambitionen, sondern auch das glänzende Format seiner Mitstreiter. Die jüngste Bestandsaufnahme und Standortbestimmung liegt nun vor, erneut eingespielt und aufgenommen in den traditionsreichen Ludwigsburger Bauer Studios. Selbstverständlich ist der Albumtitel eine tiefe Verbeugung vor Count Basie, aber die neun Stücke zeigen Becker nicht in Respekt erstarrt, sondern als souveränen Autor meisterhafter Nachschöpfungen: Mit Gershwins „Swanee“ und dem Nachkriegsstandard „A Nightingale Sang In Berkeley Square“ greift die Playlist lediglich auf zwei Fremdkompositionen zurück, der große Rest stammt aus eigener Feder und zeigt: Als Komponist und Arrangeur ist Becker, der schon für Richard Bona, Helge Schneider und die SWR Big Band gearbeitet hat, mit allen Wassern gewaschen. Sein 17-köpfiges Ensemble besteht aus einer Blütenlese erstrangiger Solisten der süddeutschen Jazzszene, unter denen Alexander Bühl (Tenor- und Sopransaxofon, Flöte, Klarinette) als Co-Arrangeur, der mit „Big Cat Shuffle“ auch eine Komposition beigesteuert hat, nochmals eine Sonderstellung einnimmt. Großer Wurf.
Harry Schmidt