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J03 greenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

 

Mirouslav Vitous
Music of Weather Report
ECM / Universal
*****
Mirouslav Vitous‘ aktive Zeit in der Supergroup des Fusionjazz Weather Report markierte deren frühe Schaffensphase, die stark von futuristischen Pioniertaten wie In a Silent Way von Miles Davis genährt war. Vitous‘ neue CD beleuchtet dieses spannende Material aus heutiger Perspektive und mit ungeahnter improvisatorischer Freizügigkeit! Ein energisch zupackendes Sextett sorgt dafür, dass die Musik wie in einem Hexengebräu unberechenbare Siedepunkte ansteuert. Da leben die einschlägigen Klangfarben: psychedelisch verzerrte E-Bass-Läufe, flirrende Sirenengesänge auf dem gestrichenen Bass. Natürlich auch elegant modulierende Synthesizerflächen (Keyboards: Aydin Esen) und Saxofon-Impressionismen von Gary Campbell und Roberto Bonisolo. Die Band agiert übrigens als Double Band mit gleich zwei Schlagzeugern (Gerald Cleaver und Nasheet Waits), was hier allein schon für maximale Dichte im Zusammenspiel sorgt.
Sämtliche Referenzen stellen hier ein Sprungbrett für Neues dar. Vitous und seine Mitmusiker zerlegen und variieren etwa „Scarlet Woman“, „Seventh Arrow“ oder das Wayne-Shorter-Stück „Pinocchio“. Zeitlos geniale kompositorische Ideen blitzen in neuen Kontexten auf, bevor wieder lustvoll in kühnen Kollektivimprovisationen interveniert wird. Eine solche Offenheit lässt auch das Stück „Birdland“ (eines der totgecoverten Stücke in gängiger Jazzpraxis) wieder in ganzer Frische neu erstrahlen. Wer genau hinhört, entdeckt ein erstaunliches Detail: Bevor Vitous auf dem Bass das erste „Birdland“-Thema spielt, schickt er eine filigrane Introduction voraus, die exakt dem Thema aus Dvoraks berühmtem Cellokonzert entspricht. Der gebürtige Prager spielt hier auf einen großen böhmischen Landsmann aus der Vergangenheit an.
Stefan Pieper

Jukka Perko Avara
Invisible Man
ACT / Edel:Kultur
****
Eine neue Jukka-Perko-CD ist wie eine Wundertüte: Man weiß nie, was einen erwartet, wird aber zumeist positiv überrascht. Im Fall von Invisible Man überrascht allein schon die Besetzung: Saxofon neben akustischer und elektrischer Gitarre. Durch die zwei Saiteninstrumente ergibt sich ein dichter Sound, schwebend, verwoben, über den sich das Saxofon erheben kann. Jukka Perko hat mit seinen Mitmusikern Jarmo Saari an der elektrischen und Teemu Viinikainen an der akustischen Gitarre einen sehr speziellen Sound gefunden. Zum flirrenden Saitenklang übernimmt die E-Gitarre teilweise die Bassfunktion, und das Saxofon mogelt sich in die Mittelstimmen. Bei der Komposition „He Left the Road“ werden die Rollen vertauscht: E-Gitarre und Saxofon gehen in die Begleitung, die akustische Gitarre tritt als Melodieinstrument in den Vordergrund, bevor sich das Karussell weiterdreht und Perko den Melodiepart übernimmt. Die Kompositionen der Bandmitglieder und die gewählten Bearbeitungen sind klanglich wie aus einem Guss. Eigentlich ist Invisible Man ein Balladenalbum, so getragen werden die Themen vorgestellt. Doch das Energielevel zeigt deutliche Ausreißer nach oben, vor allem, wenn Perko seine beeindruckend virtuosen, aber immer musikalischen Sololäufe startet. „Tears in Heaven“ von Eric Clapton hätte nicht sein müssen, die schlichte Bearbeitung fällt gegenüber den anderen Stücken ab. Die zweite Bearbeitung, Peter Gabriels „Don't Give Up“, klingt da viel organischer und überzeugender. Gabriel Faurés „Pavane“, eine klassische Komposition, setzt den Schlusspunkt einer stimmigen und beeindruckenden CD dreier hervorragender Musiker.
Angela Ballhorn

Lutz Häfner / Rainer Böhm
No Lonely Nights
CARE / In-Akustik
****
Dass ein Duo von einem Streichquartett begleitet wird, findet man öfters in der Jazz-Literatur, doch wenn dieses Quartett aus vier Cellos besteht, ist das schon eine Ausnahmeerscheinung. Dass sie zu den talentiertesten Musikern Europas und darüber hinaus gehören, haben der Saxofonist Lutz Häfner und der Pianist Rainer Böhm mit ihren unterschiedlichsten Projekten auf zahlreichen Aufnahmen zu Gehör gebracht. Für No Lonely Nights schrieben sich die langjährigen Duo-Partner die komplex gestalteten Stücke auf den Leib, nur zwei Fremdkompositionen schlichen sich ein: Die Titel gebende Keith-Jarrett-Komposition „No Lonely Nights“, die als gefühlvolle, schmelzende Ballade daherkommt und Maria Schneiders lyrisches „Gush“. Doch wer jetzt ausschließlich sentimentale Streicherteppiche mit hohem Kuschelfaktor erwartet, wird herb enttäuscht, denn die Herren können auch zulangen. So im rhythmisch verschachtelten „Manta Dance“, in dem sich die unterschiedlichen Klangkolorite von Saxofon, Piano und Celli kaskadenartig aufeinanderschichten und sich zum furiosen Finale hin immer mehr verdichten.
Andreas Collet