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J03 greenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!

Jakob Brostreams
Streams
ECM / Universal
****
Schon in den allerersten Tönen steckt sie wieder. Diese Magie in der Ruhe und in der sanften Kraft, mit der man in dem harmonisch feinen Netz jede Note subtil ausspielt, ausklingen und damit zu einer wahren Kostbarkeit werden lässt. Und bei aller scheinbaren Fragilität und Zartheit schwingt doch immer auch eine ungeheure Spannung mit, die sieben Stücke lang nicht abebben wird. Da können Gitarrist Jakob Bro, Bassist Thomas Morgan und Schlagzeuger Joey Baron noch so pointillistisch, so sphärisch oder so zurückhaltend ihre dreistimmigen Gespräche formulieren – man muss ihnen einfach folgen und sich dabei auch ein wenig von ihrer Balladen-Herrlichkeit verführen lassen. Aber den Grundstein für dieses außergewöhnliche Trio-Album hatte der Däne Bro ja bereits mit seinem 2015 veröffentlichten Debüt-Album Gefion gelegt. Als er mit Morgan und Jon Christensen an den Drums das Sanfte des Jazz mit all seinen wundersam Schattierungen und Stimmungen weniger erkundete als vielmehr ausbalancierte. Unter diesen Vorzeichen steht nun das Nachfolge-Ereignis, das nicht nur erneut auch vom kompositorischen Phantasiereichtum Bros geprägt ist. Sein prismatisches Gitarrenspiel erinnert an die goldenen Zeiten eines Bill Frisell.
Guido Fischer

Pablo Held Trio pabloheld
Lineage
Pirouet / NRW
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Vor zehn Jahren waren sie blutjunge Newcomer beim Westfalen-Jazzpreis. Mittlerweile touren sie über die Kontinente: Pablo Held, Piano, Jonas Burgwinkel, Schlagzeug und Robert Landfermann, Bass, sind als Trio zum Idealtypus einer musikalischen und menschlichen Einheit geworden. Die Bandchemie wirkt verlässlich nach innen und außen. Entsprechend bekräftigen die drei in Köln ansässigen Jazzmusiker auf ihrer aktuellen CD den unerschütterlichen Standard. Dafür braucht es keine umwerfenden Neu-Erfindungen oder Richtungswechsel, die vielleicht sogar der Reinheit der persönlichen Botschaft abträglich wären.

Die Vorgängerplatte kam mit ihren Klassik-Bezügen extrem balladesk und noch verinnerlichter als sonst schon üblich daher. Damit verglichen sprüht das aktuelle Werk vor quirliger Lebendigkeit. Helds Pianospiel scheint an erzählerischer Eloquenz noch zugelegt zu haben. In acht Stücken verdichtet sich ein Klima gegenseitigen unbedingten Vertrauens. Die Dichte an musikalischen Ideen ist schwindelerregend – und das verleiht den ganzen komplexen Geflechten, Abspaltungen, metrischen Unregelmäßigkeiten und harmonischen Farbenspielen eine nur für dieses Trio typische Autorität. Wenn Robert Landfermann auf dem Bass so richtig zupackt, fetzen harsche Ostinatofiguren, über die Jonas Burgwinkel seine impulsiven Feuerwerke abbrennt – aber vielleicht setzt schon ein ganz anderer Gedankengang dem Ausbruch umso mehr Kontemplation entgegen. Nur „reinhören“ funktioniert bei dieser Platte nicht, und das ist gut so. Diese manchmal durchaus etwas spröde assoziative Rhetorik kommt aus tiefstem Inneren – und das will vom Hörer ausgeforscht sein.
Stefan Pieper

The Bad Plusbadplus
It's Hard
OKeh / Sony
****(*)
Wer heutzutage sich als Piano-Trio in irgendeiner Form profilieren möchte, muss sich verdammt nochmal etwas einfallen lassen. Pianist Ethan Iverson, Bassist Reid Anderson und Drummer David King musizieren schon lange zusammen und spielten bereits mit Joshua Redman oder Bill Frisell. Doch ihr eigentlicher Trumpf im Ärmel sind ihre herrlich eigenwilligen Interpretationen bekannter Rock- und Popklassiker, die bis auf zwei Ausnahmen das Songmaterial auf ihrer neuen CD stellen. Dabei nehmen sie von der Vorlage immer nur ein dürres Gerüst. Zumeist ist nur die Melodie erkennbar und auch sie wird oft stark paraphrasiert. Die bekannten Hooklines und Instrumental-Riffs der Originale verschwinden fast völlig. So gerät der Opener „Maps“ aus der Feder der Indie Rocker Yeah Yeah Yeahs zu einem grellen Free-Jazz-Spaß. Das ergibt kein kakophonisches Instrumentalgekreische, sondern eine lustvolle und lebendige Eigen-Interpretation, bei der besonders Drummer David King aus sich rausgehen darf. In „The Beautiful Ones“ von Prince erlaubt sich Pianist Ethan Iverson einige gekonnte atonale Ausflüge, die eine ganz individuelle Klangwelt aufbauen. Gleiches gilt für seine Solistik in Cyndie Laupers „Time After Time“, das ja schon bei Miles Davis eine Verjazzung erfuhr. Doch The Bad Plus nehmen der Nummer die letzte Süße und ironisieren sie. Kontrastierend dazu zeigt die Formation in der von dem Saxofonisten Bill McHenry komponierten Jazz-Nummer „Alfombra Magica“ eine sehr lyrische Seite. Im Großen und Ganzen aber genießt es dieses Trio, der Tradition und den eingefahrenen Hörgewohnheiten die kecke, lange Nase zu zeigen. Gut so!
Andreas Schneider