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J03 greenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!




Hendrika Entzian Quartetentzian

Pivot
Traumton / Indigo
****
Hendrika Entzian ist Kontrabassistin und Komponistin – und vor allem Bandleaderin. Ihr neues Album Pivot geht als logische Konsequenz aus solchen Kompetenzen hervor: Da spielt eine organische Band, in der es keine „Leader“ und „Sidemen“ mehr gibt, weil hier alles organisch und logisch zusammenwächst, letztlich zu einem Instrument wird. Das geht nur, weil die Ingredienzien stimmen, also Musiker mit bestem Können auf gemeinsamer Augenhöhe agieren. Als da wären: Ein eloquenter, klanglich sensibler, zwischen Ekstase und Eleganz vermittelnder Saxspieler Matthew Halpin. Pianist Simon Seidl als harmonischer Raumgeber und reaktionsschneller Weggefährte, und der zurzeit ausgesprochen gefragte, hier flexibel alle Räume mit seinen Ideen und leichtfüßigen Impulsen ausfüllender Schlagzeuger Fabian Arends. Die Kölner Bandleaderin selbst ist mit ihrem Tieftöner immer mittendrin, was alles zusammenhält – um damit vor allem einem zeitlos-klassischen Jazzidiom zu huldigen! Man mag an die „ewigen“ Bands der 60er Jahre denken, assoziiert manchen thematischen Einfall zum Beispiel mit Wayne Shorter, aber erkennt auch ganz viel persönliche Note bei allen Beteiligten, sich hier in einem klassischen Vokabular frei zu bewegen. Damit wird keine Jazzgeschichte weitergeschrieben, weswegen man sich durchaus manchmal mehr Alleinstellungsmerkmale wünscht. Aber alles lebt dennoch sehr unmittelbar aus dem Moment heraus. Und eben das zaubert viel Atmosphäre, entrückt und lässt staunen, wie diese junge Kölner Band an Detailreichtum geradezu überbordet.
Stefan Pieper


Oliwoodollywood

Euphorïa
Yellowbird / Soulfood
*****
Der Berliner Schlagzeuger Oliver Steidle (Das rosa Rauschen, Klima Kalima, etc.) ist ein Erzähler. Er will mit seiner Musik etwas mitteilen, ein Wohlfühl-Ding-De-Ding ist jedenfalls nicht seine Sache. Wenn er mit dem Gitarristen Olaf Rupp und Bassist Jan Roder als Die Dicken Finger spielt, kommt schon mal Peter Brötzmann als Gast dazu. Da liegt es nahe, dass Steidles neues Projekt Oliwood heißt – hier wird in 3D (mindestens) gefilmt: Da ist Steidle selbst, der neben dem Schlagzeug auch einen ganzen Konzertflügel aus seinem Sequencer holen kann, Gitarrist Kalle Kalima und Frank Gratkowski, der mit seinem Altsaxofon in der Berliner Creative-Music-Szene heimisch geworden ist. Das Album kommt – ganz großes Kino – im Big-Lebowski-fähigen Bowlingkugel-Design, im Inneren bedankt sich Steidle verbindlichst bei seinen Hörern für das Interesse an und den Erwerb seiner Musik. Dabei liegt ihm nichts ferner, als sich anzubiedern. Sein Respekt gegenüber dem Publikum besteht eben in der Kompromisslosigkeit seiner Musik. Und damit überzeugt das Trio auch, ob in den intensiven Gruppenimprovisationen der „Octave Medleys“ oder im afrobeatigen „Der diebische Elst“ im 11-minütigen Extended-Dancefloor-Mix. Kalima und Gratkowski zeigen sich in „Sissy Melting Snow“ einmal mehr als vollmundig hymnische Klangpriester – Steidle zählt mit den Fellen und Becken seines Drumkits genauso dazu wie als virtuoser Meister seines live-elektronischen Zubehörs. Was sich hier etwas anstrengend liest, erzeugt im Hören eben jenen Zustand, der dem Album auch den Namen gibt: Euphorïa.
Tobias Richtsteig


Christina Fuchs No Tango Quartetfuchs

Eleven
Wismart / NRW
****
Wer beim Lesen des Albumtitels erbleicht, weil er glaubt, er habe was verpasst, dem sei versichert, dass es sich keineswegs um das elfte Album dieser Band handelt, sondern eher um das vierte. Das originell besetzte No Tango Quartet besteht aber seit elf Jahren – und zwar in unverändertem Line-up –, und außerdem spielt die Zahl Elf bei vielen der neuen Kompositionen eine Rolle. Die wiederum stammen nach wie vor ausschließlich aus der Feder der Bandleaderin und der Bassistin Ulla Oster. Die Saxofonistin und Klarinettistin Christina Fuchs hat sich von Bildern Paul Klees inspirieren lassen und verleiht so dem „Schellenengel“ musikalische Flügel, während „Der Seiltänzer“ den Kampf zwischen Tango und Jazz austragen muss. Denn in starkem Widerspruch zum Bandnamen drängt sich der Tango zwar nicht immer in den Vordergrund, er lugt aber ab und zu um die Ecke – und zwar beileibe nicht nur durch die Beiträge des Akkordeonisten Florian Stadler – und will immer wieder mal mitspielen. Dass die komplizierten und komplexen Taktarten mit ausgesuchter Lässigkeit und Selbstverständlichkeit daherkommen, ist bei einem Schlagzeuger von der Klasse Christoph Hillmanns Ehrensache. „Miss Eleven“, aus Osters Feder und inspiriert vom amerikanischen Pianisten Gerald Clayton, tänzelt und wiegt sich in stoischer Eleganz durch die schrägsten Klänge und Metren. Das ganze Album wurde in brillanter Transparenz von Reinhard Kobialka aufgenommen und vom jüngst verstorbenen Walter Quintus gemastert.
Rolf Thomas