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J03 greenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!


10001000

1000 Anthems To Work on a Good End
Umland
*****
Nationalhymnen sind eine sehr spezielle Art von Gebrauchsmusik: Sie sollen identifizierbar sein, populär klingen und etwas ausdrücken, was ein Land zusammenhält. Eine komplexe Aufgabe, zumal die Geschichte nationale Hymnen in einen engen Entstehungszusammenhang zum Preislied für absolute Herrscher und Diktatoren stellt. Manchmal sind sie Vertonungen heroischer Texte, die das blutige Geschehen, das zum Entstehen einer Nation führte, verherrlichen. Insofern ist die Gattung der Hymne für reflektierte Komponisten ein weites, widerspruchsreiches Arbeitsfeld – Maurizio Kagel und Karlheinz Stockhausen sind vorangegangen, jetzt folgen ihnen die vier Musiker des Quartetts 1000. Was sie auf ihrer erstaunlichen CD tun, hat mit einer landläufigen – womöglich ironischen – Verjazzung überkommenen Materials nichts zu tun. Ihre Re-Kompositions- oder Re-Inszenierungs-Arbeit ist nicht exaltiert und nicht zwanghaft distanzierend, sondern von einem durchaus melancholischen Unterstrom durchzogen – und Melancholie ist eine legitime Reaktion des Künstlers auf Gewalt in der Vergangenheit. Insofern ist die Hymnen-CD vor allem Ergebnis kritischer, reflektierender Arbeit. Sie geht aus von einer Hymne für die Freude am (klingenden) Augenblick und endet mit einer Hymne der diskreten, kopfschüttelnden Verhüllung. Dazwischen liegen zum Beispiel fünf Hymnen für Kambodscha und die Frage, was mit einem Land geschehen sein könnte, das innerhalb eines halben Jahrhunderts (von 1941 bis 1989) fünf Hymnen verbraucht hat. Dann folgen China und Syrien, ach, man möchte seufzen und jammern. Das geschieht im Simultan-Gesang von vier persönlichen Hymnen, bevor sich die Gruppe den sieben Hymnen zuwendet, die die Nation Afghanistan seit 1926 verbraucht hat. Und wir wissen, dass nicht nur Hymnen verbraucht wurden und auf den Müll kamen und was für eine enorme Brutalität dahinter abgelaufen ist und noch abläuft. Selten ist es zeitgenössischer Musik so prägnant wie dieser gelungen, politisch markierte Haltungen einzunehmen, ohne sich zu verbiegen.
Hans-Jürgen Linke


The Clarinet Trio plus Alexey Kuglovclarinettrio
Live in Moscow
Leo / Galileo MC
*****
Ohren und Sinne auf für die hochverdichteten, manchmal schneidenden Klangströme, die drei furchtlose Klarinettisten und ein Gast-Saxofonist in Moskau realisierten! Gebhard Ullmann, Michael Thieke und Jürgen Kupke, auch als Clarinet Trio bestens bekannt, trafen hier auf den Saxofonisten Alexey Kuglov. Und diese „drei plus eins“ hatten sich auf Anhieb viel zu sagen. Nach einer kurzen, assoziativ freien Aufwärmphase schwört man sich auf Bewegung und Struktur als Basis für alle Freiheiten ein. Kühne polyphone Ketten werden geflochten, aus denen sich neue melodische Muster in aberwitzigen Wendungen abspalten. Ostinati treiben voran. Diese Spieler wissen, welche Frage- und Ausrufezeichen eine inspirierte Klangrede im richtigen Moment braucht. Ohnehin beweist das Clarinet Trio seit mittlerweile fast 20 Jahren, wie gut drei Klarinetten mit ihrem reichen Tonumfang und schier grenzenlosen Möglichkeiten, den Klang zu formen, sämtliche Erfordernisse einer Band abdecken. Also pulsieren bei dieser Live-Sternstunde in Moskau die Basslines, glühen harmonische Farben auf und explodieren perkussive Effekte wie im Feuerwerk. Improvisationskunst am Hochreck über asiatische Pentatonik oder afrikanisch anmutende Chorusse zeugen von der Weltgewandtheit dieser Musiker. So manch verspielter Dialog mit Formeln, Phrasen und Tonfolgen könnte wie bei Olivier Messiaen den Vogelstimmen abgelauscht worden sein. Manchmal bleiben sogar die Hörner in der Ecke stehen – und es geht allein auf den Mundstücken munter weiter. Das Wichtigste bei allem: In jedem Moment liegt sprühender Humor in der Luft.
Stefan Pieper


Gary Peacock Triopeacocktrio
Tangents
ECM / Universal **** Der Bassist Gary Peacock, mittlerweile 82 Jahre alt, war bei so mancher Sternstunde des Jazz dabei und hat vor allem eine immense Anzahl von Pianisten kreativ befeuert, darunter so prominente Namen wie Bill Evans, Keith Jarrett oder Paul Bley. In seinem eigenen Trio hat er sich für Marc Copland als Pianisten entschieden, einen ziemlich eigenwilligen und abstrakten Vertreter seiner Zunft. Dritter im Bunde ist der Schlagzeuger Joey Baron, und schon das Debüt-Album dieses Trios sorgte für Begeisterung. Tangents versammelt nun alte und neue Kompositionen von Peacock, einige von Copland und eine ziemlich wuselige Nummer namens „Cauldron“ von Baron. Darüber hinaus blickt Peacock zurück auf seine Zeit bei Bill Evans vor über fünfzig Jahren, indem er zwei Songs spielt, die auch dieser gern gespielt hat: „Blue In Green“ von Miles Davis (bei dem Bill Evans im Prinzip mindestens Mitkomponist war) und „Spartacus“ von Alex North. Gerade die Lesung von „Spartacus“ ist dem Trio der Altmeister in vorzüglicher Weise gelungen, die Schönheit der Melodie strahlt in einem verhangenen Zwielicht. Überhaupt sind in puncto Kreativität bei den drei Musikern keinerlei Alterserscheinungen erkennbar, das beweist nicht zuletzt die einzige freie Improvisation des Albums. „Empty Forest“ ist von der deutlich erkennbaren Neugier des Aufeinander-Hörens geprägt und entwickelt seine Ideen langsam, aber stetig. Rolf Thomas