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J03 greenIn jeder Ausgabe der JAZZTHETIK werden die aktuellen CD und DVD Neuerscheinungen aus Jazz, Weltmusik, Elektronik, Blues, u.v.m. vorgestellt. Neben den Einzelvorstellungen gibt es auch Kolumnen zu speziellen Themen. Hier finden Sie 3 ausgewählte Rezensionen zum Probelesen!



Scott DuBoisscott
Autumn Wind
ACT / Edel:Kultur
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Mit seiner letzten CD Winter Light hat der amerikanische Gitarrist Scott DuBois einen einzigen Wintertag musikalisch in Szene gesetzt, auf seiner neuen CD widmet er sich dem Herbst, und zwar vom „Mid-September Changing Light“ bis zum „Mid-December Night Sky“. An seiner Seite das bewährte Quartett mit dem famosen Berliner Saxofonisten und Bassklarinettisten Gebhard Ullmann, dem New Yorker Bassisten Thomas Morgan und dem dänischen Schlagzeuger Kresten Osgood. Das Album holt die Musiker Stück für Stück ins Boot und zeichnet so grandiose Klanglandschaften, die durch ihre Schönheit, aber auch durch einen harschen, fast schon grantigen Klang beeindrucken. Bei einigen Songs erweitert DuBois die Band dann noch durch ein vierköpfiges Bläserensemble mit Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott sowie durch ein Streichquartett, so dass im krachenden Finale dann tatsächlich alle zwölf Musiker gleichzeitig zu hören sind. Und doch wirkt Autumn Wind niemals überladen. Das liegt an geschickt eingesetzten Ruhepausen wie dem Titeltrack (bei dem man tatsächlich glaubt, wehenden Wind durch die Lautsprecher zu hören) sowie an den ausgetüftelten Kompositionen, die den Musikern auch in den ekstatischsten Free-Ausbrüchen Platz zum Atmen lassen. DuBois selbst ist ein kühler Klangzauberer, der in poetischen Sound-Gemälden wie dem „Mid-November Moonlit Forest“, vom ruhelosen Osgood aufgepeitscht, sprühende Tonspuren in die Luft wirft.
Rolf Thomas


Luise Volkmann Été Largevolkmann
Eudaimonia
nWog / Edel:Kultur
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Mit einem Konzeptalbum legt die junge Altsaxofonistin und Flötistin Luise Volkmann ihr Debüt als Bandleaderin und Komponistin vor. Der altgriechische Begriff der Eudaimonie entstammt der antiken Philosophie und bezeichnet zugleich gelingende Lebensführung und den damit einhergehenden Zustand der Ausgeglichenheit. Die sieben Stücke auf Eudaimonia verstehen sich als Porträts: Jedes ist einer Person gewidmet, zu der Volkmann in enger Beziehung steht, wobei die konkrete Verbindung für den Hörer zum Teil im Unklaren verbleibt. So weit, so gut. Allerdings garantiert das Vorhandensein eines Konzepts noch lange kein gelungenes Werk. Was Volkmann, die in Leipzig studiert hat und seit zwei Jahren in Paris lebt, jedoch mithilfe ihrer zwölfköpfigen Formation Été Large eingespielt und aufgenommen hat, fügt sich zu einem der poetischsten, aufregendsten, ja spannendsten Debütalben seit Langem. Besonders einnehmend ist, wie Volkmann sich darauf versteht, disparate Einflüsse – Free Jazz, Impro, Minimal Music, Canterbury-Folk, Klassik und Post-Rock sind im Wesentlichen zu nennen – so überraschend wie zwanglos miteinander zu kombinieren. In einem Titel taucht neben Rilke Bukowski als Stichwortgeber auf. Manche Tracks konzentrieren sich auf eine zentrale Gestaltungsidee, manche entwickeln sich zu Suiten mit offenem Ausgang. Mal denkt man an Meredith Monk, mal an Carla Bleys Escalator over the Hill, mal an Bands wie die Art Bears oder Henry Cow. Außerordentlich beeindruckender Erstling.
Harry Schmidt


Veinvein
Vein plays Ravel
Challenge / In-Akustik
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Ambitionierte Jazzmusiker sind dies nur so lange, wie sie nicht um sich selbst kreisen, sondern auf kreative Nahrungssuche gehen. Michael Arbenz (p), Thomas Lähns (b) und Florian Arbenz (dr) wurden in diesem Sinne bei Maurice Ravel fündig. Exotische Klangfarben, aufregende Harmonik, zuweilen sogar Blues-Elemente gibt es. Und das Trio Vein ist souverän genug, all dies nicht einfach zu „verjazzen“. Pianist Michael Arbenz kann im klassischen Sinne fabelhaft Ravel spielen – mit aller Anschlagsfinesse, sinnlicher Duftigkeit und tiefem Spürsinn, die etwa die „Tombeau de Couperins“ zu dem machen, was sie sind. Aber zugleich geht es darum, etwas Eigenes daraus zu machen. Die Band zerlegt, atomisiert, beschleunigt das Material. Und damit ist Vein auch für ein Unterfangen qualifiziert, bei dem das Scheitern ganz schnell droht – beim viel zu weltberühmten „Bolero“. Dass die erfolgreich gemeisterte Herausforderung schließlich Berge versetzt, dafür zeichnet auch die erfolgreiche Verstärkung verantwortlich: Andy Sheppard, Nils Fischer und Noah Arnold sorgen für wechselnde Klangfarben auf den Saxofonen, Florian Weiss liefert Spitzlichter und Glissandi auf der Posaune, Martial In Al-bon malt seine Linien und Farben auf Trompete und Flügelhorn. In 17 Minuten bringt diese Breitwand-Combo das Lehrstück in Sachen Steigerungsdramaturgie bestens auf den Punkt. Nicht ohne eigenwillige Einlagen, in denen Jazz in bestem Sinne stattfindet – gipfelnd in einer hitzigen Bebop-Passage kurz vorm orgiastischen Höhepunkt.
Stefan Pieper